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Dagmar Hofnagel

zu den Braugerstenpreisen

Wechselspiel

Der Ruf nach Erzeugerpreisempfehlungen für Braugerste für die kommende Ernte verhallt unbeantwortet. Im zweiten Jahr in Folge werden zumindest im Südwesten im Dezember keine Kurse genannt. Was früher gute Sitte war, entfällt. Die Empfehlungen gaben den Landwirten zumindest eine gewisse Planungssicherheit für die Sommerungen. Während es zwischenzeitlich sogar Bemühungen gab, Preise bereits vor der Herbstaussaat zu nennen, um den Landwirten die Chance zu geben, sich gegebenenfalls sogar gegen die relativ sichere Herbstaussaat zu entscheiden, gibt es derzeit fast keine Orientierung mehr. Daran werden sich die Landwirte aller Voraussicht nach aber gewöhnen müssen. Die volatilen Märkte unter dem Einfluss der globalen Entwicklungen lassen es nicht anders zu. Bisher blies den Verarbeitern der scharfe Wind der Globalisierung und Konzentration auf dem Brauereisektor ins Gesicht. Nun bekommen auch die Landwirte etwas mehr davon mit.

Aus heutiger Sicht wäre bei bereits in kleinen Mengen gehandelter Braugerste für 130,- EUR/t franko Mälzerei ex Ernte ein Kurs von 115,- EUR/t frei Erfassungsstelle für den Landwirt denkbar. Wahrscheinlich würde diese Idee von den Funktionären der Landwirtschaft milde lächelnd abgelehnt. Aber mehr gibt der Markt aus heutiger Sicht nicht her. Die Mälzer sind gut eingedeckt. Die Versorgung in Deutschland und der EU ist gewährleistet. In der Regel wird in der EU ein Überschuss produziert. Aus dem Osten Europas ist derzeit zwar noch kein größeres Angebot an Braugerste zu erwarten. Dennoch sind die Ertragspotenziale dort nicht ausgeschöpft und lassen langfristig durchaus noch Mengen erwarten. Auch weltweit sieht die Versorgung, abgesehen von Engpässen in Kanada und Australien, ganz passabel aus. An Export aus der EU ist bei dem derzeitigen Währungsverhältnis von Euro zu US-Dollar sowieso nicht zu denken. Große Mengen drücken also auf die Preise – dies ist keine neue Erkenntnis.

Aus heutiger Sicht wird sich diese Situation auch auf die kommende Ernte in Deutschland auswirken. Das letzte Wort darüber ist allerdings noch nicht gesprochen. Die Entscheidung fällt im Frühjahr. Die Landwirte werden auf zu niedrige Kurse reagieren. Bereits jetzt rechnet man zumindest in Deutschland mit einem deutlich kleineren Anbau von Sommergerste. Eine mögliche Alternative ist die Flächenstilllegung. Zum anderen zeigen die Landwirte ein ernsthaftes Interesse an Biogasanlagen als Alternative zur klassischen Nutzung von Getreide schlechthin.

In welchem Ausmaß diese Möglichkeiten genutzt werden und inwieweit sich dies auf das Braugerstenangebot und schlussendlich auf den Preis auswirken wird, ist jetzt nicht einzuschätzen. An der Überschusssituation in der EU wird das sicher wenig ändern. Regional könnte es aber dennoch zu einem geringeren Angebot kommen. Dies sollten die Mälzer nicht aus den Augen verlieren. Wenn sie das Angebot vor Ort erhalten wollen, müssen sie rechtzeitig das Bedürfnis der Landwirte nach einer Kalkulationsbasis für ihre Anbauplanung berücksichtigen – und das ist nun einmal der Preis. So heißt es für alle Beteiligten, Handel eingeschlossen, ernsthaft im Gespräch zu bleiben. Nur so können sie den unberechenbaren Marktentwicklungen etwas entgegensetzen.
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