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Hermann Steffen

zur Agravis Raiffeisen AG

Optimismus

Die Kantine des Kraftfutterwerkes in Minden war ein ungewöhnlicher Ort für die erste Bilanzpressekonferenz der Agravis Raiffeisen AG und musste angesichts eines milliardenschweren Umsatzes wie Understatement wirken. Doch die Wahl war keineswegs ungeschickt, denn schließlich liegt Minden an der Grenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, an der Schnittstelle zwischen Veredlungs- und Ackerbauregionen und am Rande der früheren Einzugsgebiete der ehemaligen RCG und RHG. Ein geeigneter Ort also, um die Integration zu einem gemeinsamen Unternehmen zu demonstrieren. Unterstrichen wurde die Einigung durch das klare Bekenntnis des Vorstandes zu der Verteilung der Aufgabenbereiche auf die beiden Standorte Münster und Hannover.

Bemerkenswert auch, dass sich bisher im Gegensatz zu den meisten anderen Fusionen im Agrarbereich keinerlei Übernahmeeffekte erkennen lassen. Insofern lässt sich die Regel, nach der eins und eins zwei ergibt, auf die Agravis nicht übertragen. Es hat den Anschein, dass aus der Fusion ein völlig neues Unternehmen hervorgegangen ist. Wenn auf Vorstandsebene der Einfluss aus Hannover überwiegt, scheint dies allenfalls statistischen Wert zu besitzen, denn augenscheinlich stimmt die Chemie im Vorstandsquartett. Als Glücksfall dürfte sich die Besetzung des Vorstandsvorsitzes entpuppt haben, zumal Dr. Clemens Große Frie nicht im genossenschaftlichen Bereich beheimatet war und vermutlich die Integration und strategische Ausrichtung unvoreingenommener vorantreiben konnte.

Die Neuausrichtung findet nicht nur in der Primärstufe Zustimmung, sondern auch im Unternehmen werden die Anpassungen mitgetragen. Dass es nicht nur Frohlocken gibt, wenn fast 10 Prozent der Mitarbeiter freigestellt werden, liegt auf der Hand. Doch wenn die Sozialpläne so ausgehandelt wurden, dass es bisher in keinem einzigen Fall zu rechtlichen Auseinandersetzungen gekommen ist, verdient das ebenso Anerkennung wie die Tatsache, dass sich die Belegschaft bereit erklärt hat, unabhängig von Tarifverhandlungen vorerst auf Lohnerhöhungen zu verzichten. Dass es bei der Schließung von Standorten im Landtechnikbereich Unruhe gegeben hat, ist nicht verwunderlich, doch strukturelle Verluste lassen sich auch nicht mit einem genossenschaftlichen Förderauftrag rechtfertigen.

Im Jahr der Fusion gehen die Uhren bekanntermaßen anders und im Falle der Agravis scheint man sie auf Sommerzeit gestellt zu haben. Entgegen den Erwartungen, dass sich Synergieeffekte erst nach einigen Jahren einstellen werden, kam es bereits im ersten Fusionsjahr zu Kosteneinsparungen. Da diese Effekte kaum aus einer Erhöhung der Spannen, sondern vielmehr aus Rationalisierungsmaßnahmen stammen dürften, müssen sich die Aktionäre trotz des negativen Ergebnisses von fast 8 Mio. € nicht beunruhigt fühlen. Doch was im ersten Fusionsjahr toleriert wird, muss für die folgenden Jahre nicht gleichermaßen gelten. Das laufende Jahr wird sicherlich mehr Aussagen über die Ertragskraft von Agravis bringen. Wenn der Vorstand für dieses Jahr voller Optimismus einen Gewinn in zweistelliger Millionenhöhe ankündigt, wird er sich daran messen lassen müssen. Schließlich haben die Aktionäre teilweise erhebliches Kapital in die AG eingebracht, und der Wert von Aktien wird nun mal an der Dividende gemessen.
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