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Horst Hermannsen

zur Situation der Mälzer

Gebeutelt

Die deutschen Mälzer bewegen sich auf vermintem Terrain. In der Kette vom Acker bis zum Sudkessel tragen sie das größte Risiko, ohne dass es jedem bewusst ist. Dabei hatte die Branche im Sudjahr 2004/05 mächtig Glück gehabt. Die fallenden Malzerlöse wurden von noch stärker sinkenden Braugerstenpreisen kompensiert. Diesem Mechanismus dürfen die Gerstenröster in der Kampagne 2005/06 aber nicht vertrauen. Das Preispotenzial nach unten ist bei der Gerste inzwischen ausgereizt. Andererseits wird der Handel mit Malz längst in einem reinen Käufermarkt abgewickelt.

Der schwierig gewordene Drittlandexport beeinflusst das Geschäft nachteilig. Neue Kapazitäten entstehen zum Beispiel in Russland. Noch bleibt diese Region auf Malzimporte angewiesen. Aber auch hier nimmt der Wettbewerb um die wenigen zahlungsfähigen Kunden zu. Willkürliche politische Einflüsse wie Importstopp oder -kontingente erschweren längerfristige Planungen. Große Malzfabriken entstehen in den Niederlanden und Schweden.

Der Ton im Malzgeschäft ist rauer, die Umgangsformen sind rüder geworden. Wie ein lästiger Bittsteller fühlt sich mancher Mälzer von einigen Brauereien behandelt. Selten nur werden die Verhandlungen mit sachkundigen Braumeistern geführt. Smarte, nadelgestreifte Jungmanager mit international bewährter Ausbildung geben zuweilen einen Ton an, der auf mangelhafte Erziehung schließen lässt. Häufig zählen nur niedrigste Preise. Manchem Billiggebräu merkt man das auch an. Andere wiederum verlangen höchste Qualität zu Niedrigstkonditionen.

Heute bestimmen der belgische Braukonzern Interbrew, der niederländische Biersieder Heineken und der dänische Braugigant Carlsberg in Deutschland, wo es langgeht. Die Beute der internationalen Übernehmer kann sich sehen lassen: Drei der fünf größten deutschen Bierhersteller mit mehreren Millionen Hektolitern Ausstoß werden von ihnen gesteuert. Dabei spielten noch in den 90er Jahren ausländische Brauereien hier zu Lande keine Rolle. Unterdessen schreitet die Teilung des Biermarktes in ein Billig- und ein Premiumsegment voran: Während sich Billigmarken beim Konsumenten zunehmender Beliebtheit erfreuen, geraten mittelpreisige, regionale Konsummarken unter die Räder, weil sie weder die Energie besitzen, sich im Premiumbereich zu etablieren, noch den Kostendruck eines rückläufigen Konsums aushalten. Die Brauwirtschaft in Deutschland schlägt sich mit Überkapazitäten von 30 bis 40 Prozent herum. Die Renditen der Biersieder sinken weiter.

Der Druck wird an die Malzindustrie weitergegeben. Dabei werden die Mälzer selbst von Überkapazitäten gebeutelt. Gewiefte Chefeinkäufer der Brauereien wissen, wie sie mit ihren Lieferanten umspringen müssen, um günstige Konditionen zu bekommen. Ein Zauberwort heißt „Abwarten“. Wer Geduld aufbringt, wird mit Schleuderpreisen belohnt, die nicht einmal ausgehandelt werden müssen. Die Mälzer bieten sie von sich aus an. Im Nacken sitzt ihnen die Angst, der Konkurrent könnte ihnen Kunden wegschnappen. Unberechenbare Alleskönner, etwa aus Bad Kreuznach, verschärfen die Situation zusätzlich. Für den Außenstehenden stellt sich die bange Frage: Ist es unternehmerischer Mut oder nur blanke Verzweiflung, die manchen Mälzer dazu veranlasst, Billigkontrakte abzuschließen, ohne sich mit Braugerste eingedeckt zu haben?
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