1

Hermann Steffen

zu Exportausschreibungen

Frühzeitig

Rechtzeitig zu Beginn des Getreidewirtschaftsjahres 2005/06 hat die EU-Kommission Signale für eine aktive Exportpolitik gesetzt. Mit der Eröffnung der Exportausschreibungen in der vergangenen Woche trägt sie dem Handlungsbedarf aus den Getreidebilanzen Rechnung. Obwohl in diesem Jahr für die EU mit einer um 25 Mio. t niedrigeren Ernte als im Vorjahr gerechnet wird, zeichnen sich mit rund 60 Mio. t Getreide fast doppelt so hohe Anfangsbestände wie im Vorjahr ab. Verhalten kritisiert der Handel lediglich, dass der Beschluss für die Ausschreibungen nicht schon früher kam, denn der Verwaltungsausschuss Getreide in Brüssel wird in den kommenden Wochen mehrmals pausieren. Dadurch kann sich der Beginn der Exporte verzögern. Viel entscheidender ist jedoch, dass die Kommission handelt. Schließlich hat die EU wegen der späten Eröffnung der Ausschreibungen erst im Januar die Exportziele 2004/05 weit verfehlt und wichtige Exportmärkte anderen Lieferanten, wie der Schwarzmeerregion, überlassen.

In diesem Jahr sollte die Gerste erste Chancen bieten, wo große Partien in der frühen Saison von den nordafrikanischen Staaten gesucht werden und sich zunächst noch wenig Konkurrenz von anderer Seite erwarten lässt. Auf dem Inlandsmarkt lassen die Exporte aus dem Markt durch die rund 12 Prozent niedrigere EU-Gerstenproduktion zudem eine Stabilisierung der Preise erwarten.

Erstaunlicherweise hat die Kommission erstmals seit vielen Jahren vor der Ernte ebenfalls Exportausschreibungen aus der Intervention eröffnet. Die Intention ist eindeutig, denn der knappe Lagerraum in den osteuropäischen Ländern soll entlastet werden. Es ist sicherlich müßig darüber zu streiten, ob dies im Zeichen angespannter Logistik sinnvoll ist, zumal die Ware aus den Binnenlägern in die Seehäfen transportiert werden muss und die ohnehin knappen Transportkapazitäten blockieren könnte. Aus Sicht der Exporteure mag sich dies anders darstellen, zumal sie in diesem Fall auf homogene Lagerware zurückgreifen können. Da sich schon jetzt erhebliche Weizenüberschüsse abzeichnen, wäre eine noch stärkere Entlastung durch Exporte aus dem freien Markt zumindest beim Weizen augenscheinlich sinnvoller.

Die EU-Kommission wird vermutlich auch künftig eine Doppelstrategie mit Exporten aus der Intervention und dem freien Markt fahren wollen. Zum einen drücken 17 Mio. t Interventionsbestände und zum anderen lassen sich die Subventionen bei Exporten aus der Intervention auf internationaler Ebene nicht so augenscheinlich nachvollziehen wie bei den Erstattungen aus dem Markt. Hinzu kommt, dass die mit 258 Mio. t immer noch große EU-Getreideernte für das laufende Jahr neue Interventionsandienungen erwarten lässt.

Bei den Exportausschreibungen aus dem Markt wird es im neuen Wirtschaftsjahr darauf ankommen, dass mit ausreichenden Zuschlägen und Erstattungen nicht die Fehler vom Jahresanfang wiederholt werden, als niedrige Erstattungen die Ausschreibungen konterkarierten. Die Chancen einer aktiven Exportpolitik sollten genutzt werden, solange die finanziellen Mittel hierfür noch zur Verfügung stehen. Schließlich deutet sich auch für das neue Wirtschaftsjahr eine EU-Getreidebilanz an, nach der sich trotz möglicher Exporte von 23 Mio. t erneut ein Endbestand in der Größenordnung von 60 Mio. t Getreide aufbauen könnte.
stats