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Steffen Bach

zur Vogelgrippe

Angst

Die Ausbreitung der Vogelgrippe nach Russland und Kasachstan wird in Deutschland mit großem Interesse verfolgt. Beinahe täglich erreichen uns Meldungen aus weiteren Orten und Regionen, in denen die Seuche nachgewiesen wurde. Ornithologen und Veterinäre spekulieren darüber, ob und wie schnell sich die Vogelgrippe nach Westeuropa ausbreiten könnte.

Bei aller verständlichen Besorgnis bleibt festzustellen, dass sich die Bedrohungslage in Deutschland seit Anfang August kaum verschärft hat. Ein größeres Risiko als die Zugvögel ist nach wie vor der Mensch. Experten sehen im illegalen Tierhandel die größte Gefahr. Auch Urlauber und Geschäftsleute können den Krankheitserreger direkt aus den betroffenen Ländern nach Deutschland einschleppen. Dass dies bisher nicht geschehen ist, liegt sicher daran, dass der aus Südostasien stammende Subtyp der Vogelgrippe auch für den Menschen gefährlich ist. Schon aus eigenem Interesse werden Touristen deshalb den Kontakt zu Vögeln meiden.

Dass die Vogelgrippe in Westsibirien und Kasachstan grassiert, ist für Deutschland beunruhigend, weil viele Spätaussiedler aus diesen Regionen stammen. Deshalb besteht die Gefahr, dass bei Reisen das Virus eingeschleppt wird. Geflügelhalter in Niedersachsen sind deshalb besonders sensibilisiert und klären Mitarbeiter, die Kontakte in die betroffenen Regionen hatten, über die Gefahren auf.

Die in den Niederlanden angeordnete und für Deutschland geplante Einstallung des Freilandgeflügels ist eine staatliche Vorsichtsmaßnahme, die vor allem zeigt, wie wichtig die Politik das Problem nimmt. Dass die niederländischen Behörden bei der Prävention am rigorosesten vorgehen, ist auch mit den Erfahrungen aus dem Seuchenzug im Jahr 2003 zu erklären. Damals wurde der Ernst der Lage zu spät erkannt, sodass sich die Seuche bis nach Belgien und auf einen Betrieb in Nordrhein-Westfalen ausbreiten konnte. Nach dem Seuchenzug im Jahr 2003 wurden die Notfallpläne überarbeitet und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit verbessert, um bei einem erneuten Ausbruch schneller und effektiver reagieren zu können. Ein wichtiger Teil der Vorsorge ist das von der Europäischen Union unterstützte Vogelgrippe-Monitoring, bei dem untersucht wird, ob Wildvögel oder Bestände in Freilandhaltung mit dem Virus in Berührung gekommen sind. Die Untersuchung von Wildvögeln soll jetzt intensiviert werden. Trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen kann das Risiko für die Ausbreitung der Seuche nur minimiert werden. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.

In den meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union sieht man noch keinen Anlass für durchgreifende Maßnahmen. Dass sich die Experten in Brüssel nicht auf eine einheitliche Vorgehensweise einigen konnten, überrascht nicht. In den meisten westeuropäischen Ländern wird noch keine akute Gefahr gesehen. In Osteuropa ist das Risiko zwar größer, aber dort ließe sich auf Grund der Strukturen ein generelles Freilandverbot ohnehin nicht durchsetzen.

Der Geflügelwirtschaft in Deutschland bleibt nur die Hoffnung, dass die Ausbreitung der Vogelgrippe gestoppt wird, bevor sie das Land erreicht. Selbst wenn sich die Situation im Winter entspannen sollte – die Angst vor der Seuche wird bleiben.
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