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Hermann Steffen

zur diesjährigen Getreideernte

Widrig

Wenn die letzten Getreidekörner in diesen Tagen bei schönem Wetter mit über vierzehntägiger Verspätung vom Halm geholt sind, kann dies über eine verwässerte Ernte nicht hinwegtäuschen. Die widrigen Witterungsbedingungen machten die Ernte für viele Landwirte zu einer Gratwanderung zwischen mit hohen Trocknungskosten erkaufter Qualitätserhaltung sowie Futterqualitäten und niedrigen Auszahlungspreisen. Die Redensart, dass die Bauern die Ernte vom Feld stehlen mussten, beschreibtdie nervenzehrenden Ernteunterbrechungen treffend. Doch trotz widriger Bedingungen blieben die meisten Landwirte von größeren Unwettern verschont, und eine insgesamt durchschnittliche, aber 10 Prozent kleinere Getreideernte gegenüber dem Vorjahr allein sollte kein Grund zu Klagen sein. Schließlich sind jährlich neue Rekordernten keine Selbstverständlichkeit. Bedauerlich sind sicherlich die schlechten Qualitäten.

Bei dem großen absehbaren Angebot an Futtergetreide pfeifen es bereits die Spatzen von den Dächern, dass sich in diesem Jahr für guten Roggen, Weizen und Braugerste weit bessere Preise erzielen lassen, als sie vor der Ernte angedacht wurden. Die Roggenpreise für hochwertige Partien haben die Weizenpreise bereits teilweise überstiegen. Es hat den Anschein, dass sie auf der Überholspur bleiben werden, denn aus der diesjährigen Roggenernte lassen sich die von den Mühlen benötigten fallzahlstarken 950±000 t kaum abdecken. Ob die Mühlen möglicherweise mit schwächeren Fallzahlen zurechtkommen oder ob hohe Preise osteuropäischen Roggen an den hiesigen Markt locken werden, bleibt abzuwarten – ob und wann Freigaben aus der Intervention für die Mühlen erfolgen, ebenso. Frühzeitige Freigaben verbieten sich jedoch, denn noch ist die Sondierung und Preisfindung nicht abgeschlossen.

Nicht ganz so dramatisch dürfte sich die schlechte Qualität der deutschen Weizenernte auswirken. Bei einem Bedarf von 7,5 Mio. t Weizen für die Mühlen und einer Ernte von 23,5 Mio. t sollte ausreichend Weizen in vertretbaren Qualitäten zur Verfügung stehen. Regionale Engpässe einzelner Mühlen lassen sich zwar nicht ausschließen, Interventionsfreigaben für einen engen regionalen Markt sind aber kaum vorstellbar. Im Gegenteil, in Norddeutschland dürften größtenteils annehmbare Qualitäten geerntet worden sein, für die sogar ein Exportventil notwendig wird. Anders die Situation bei hochwertigem Qualitätsweizen, bei dem die Versorgung aus der eigenen Ernte höchstwahrscheinlich eng wird. Doch Ausweichmöglichkeiten auf hochwertigen, wenngleich teuren US-Weizen sind vorhanden.

Unsicherheiten über die weiteren Marktverläufe und die heterogenen Qualitäten erschweren sicherlich auch die Erzeugerpreisfindung. Ob die Futtergetreidepreise stark unter Druck geraten oder über den Kursverlauf für gute Qualitäten, darüber kann nur spekuliert werden. Der Markt hat in den vergangenen Jahren jedoch häufig anders reagiert als erwartet. Der Fluch großer Ernten ist ebenso wenig ein ehernes Gesetz wie hohe Preise nach kleinen Ernten. Wenn die Landwirtschaft in der Ernte weit mehr schlechte Qualitäten beim Erfassungshandel abgeliefert hat, als prozentual angefallen sind, deutet dies auf verstärkte Einlagerung guter Qualitäten hin. Doch trotz der Erwartung höherer Preise sollten die Beteiligten das Verkaufen nicht vergessen. In der Vergangenheit jedenfalls kamen zum Ende der Saison des Öfteren beste Getreidepartien an den Markt, für die dann aber kaum noch Bedarf bestand.
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