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Brigitte Stein

zum Ökolandbau

Normalität

Am heutigen Samstag öffnet die Anuga, Leitmesse für die Ernährungswirtschaft, in Köln ihre Tore. Hier präsentiert die Ernährungswirtschaft neue Trends – und in diesem Jahr sind Bio-Produkte einer davon. Die Bio-Branche, die in jüngster Zeit überdurchschnittliche Zuwachsraten verzeichnete, zeigt hier Vielfalt und Innovationskraft. Am Sonntag wird gar eine Fachtagung für Gastronomie und Großküchen geboten.

Damit liegt die Anuga selbst richtig im Trend: Nachdem die Bio-Branche sich jahrelang zur Biofach, der Weltleitmesse für Bio-Produkte, traf und unter sich blieb, findet sich mittlerweile auf vielen Veranstaltungen der ökologische Landbau wieder. Denn die Veranstalter schmücken sich mittlerweile gerne damit, auch dieses Marktsegment zu repräsentieren, das in den Augen mancher längst keine Nische mehr ist. Das gilt auch für die Agritechnica im November.

Ebenso im Trend liegt die Grüne Woche im Januar, die immerhin zum neunten Mal den Biomarkt ausruft – diesmal als Erlebnismarkt mit Bühnenprogramm. Kurz darauf im Februar folgt die Fruit Logistica, die dem Boom für Öko-Obst und -Gemüse Tribut zollt. Bereits 2005 konnten nach Angaben der Ausrichter 20 Prozent dem Bio-Bereich zugeordnet werden.

Nicht einmal die vermutlich bodenständigste deutsche Traditionsveranstaltung, das Münchner Oktoberfest, kommt mehr ohne Öko-Angebote aus: An 19 Ständen wurden Hendl, Bratwürste oder Gemüseburger in Öko-Qualität angeboten.

Damit vollziehen aber diese großen Veranstaltungen nur nach, was im Supermarkt und Discount längst Normalität ist: Öko-Produkte sind nicht mehr wegzudenken aus dem vielfältigen Angebot des Marktes. Sicherlich hat der Öko-Markt einen Anschub erlebt durch die dafür gescholtene Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Doch galt Europa schon lange als weltweit zweitwichtigster Markt für Öko-Waren nach den USA.

Unternehmen wie Aldi oder Plus lassen sich ja in ihrem Angebot nicht ministeriell steuern und verstehen sich auch nicht als Wohltätigkeitsorganisationen. Sie bieten schlicht an, was gekauft wird: Öko-Kartoffeln, -Eier, -Milch, -Fleisch. Darum wird es auch in der Agrarpolitik für die Öko-Branche nach Renate Künast keine abrupte Wende rückwärts geben. Denn im Sinne der Landwirtschaft kann es nicht sein, dass ein boomender Markt den Anbietern aus dem Ausland überlassen wird.

Künftige Aufgabe des zuständigen Ministeriums könnte sein, endlich das Feindbild-Denken zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft, das weiterhin existiert, drastisch zu vermindern. Denn dass verschiedene Unternehmen unterschiedliche Ziele verfolgen, ist eigentlich Normalität.
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