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Dietrich Holler

zum Jahreswechsel

Offen sein

Egal, ob zur Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation WTO vor wenigen Tagen oder während diverser Spitzengespräche der Europäischen Union im Jahr 2005: An begleitender Protestfolklore mangelt es selten. Mal demonstrieren die Globalisierungskritiker von Organisationen wie Attac gegen die Öffnung der Märkte, mal wollen landwirtschaftliche Verbände mit Trillerpfeifen Reformen ausbremsen. Gemeinsam ist beiden der feste Glaube, dass der Dämon Liberalisierung gebändigt gehört. Hierfür hoffen Globalisierungsgegner und die vermeintlichen Interessenvertreter der Landwirtschaft auf umfangreiche (zwischen-)staatliche Reglements. Das Misstrauen gegen den freien Markt sitzt tief.

Da passt es gut, dass der Deutsche Bauernverband (DBV) pünktlich zum Jahresende darauf hinweist, dass ein deutscher Arbeitnehmer für seinen heutigen Stundenlohn doppelt soviel Brot kaufen kann wie vor fünfzig Jahren, der Weizenpreis aber gegenwärtig ein Drittel unter dem Niveau von 1950 liegt. Natürlich drückt der niedrige Getreidepreis die heimischen Erzeuger. Es gibt jede Menge Betriebe, die trotzdem ihren Schnitt machen. Die Landwirte auf diesen Höfen kümmern sich oftmals mehr um ihre Kosteneffizienz als um berufsständische Verlautbarungen. Doch was will der DBV mit seinem Hinweis auf die erhöhte Kaufkraft der Arbeitnehmer eigentlich sagen? Hoffentlich nicht, dass es in Westdeutschland 1955, rund fünf Jahre nach der Lebensmittelrationierung, besser war als heute. Der Blick zurück mag manchen trösten, aber Nostalgie bringt auf Dauer nichts.

Zu einer leistungsstarken Agrar- und Ernährungswirtschaft gehört, dass sie sich am Weltmarkt beweist. Die deutschen Nahrungsmittelproduzenten tun das längst, die Landwirtschaft geht jenen Weg zunehmend. Das jetzt beschlossene Finanzpaket der Europäischen Union lässt nichts anderes übrig: Die Fördermittel aus Brüssel werden weniger. Das trennt langfristig die landwirtschaftlichen Unternehmer von den Bauern mit Abliefermentalität. Dadurch sinkt zwar die Mitgliederzahl der Interessenverbände. Der Trend bringt jedoch Professionalität in die Agrarbranche.

Wer beispielsweise als deutscher Ackerbauer weiterbestehen will, muss sich über eines im Klaren sein: Er produziert austauschbare Rohstoffe in einem Land mit relativ hohen Durchschnittslöhnen und geballter öffentlicher Abgabenlast. Selbst bei einer primär auf den Binnenmarkt ausgerichteten Produktion ist das nicht einfach. Betriebswirtschaftliches Know-how und moderne landwirtschaftliche Methoden eröffnen den deutschen Agrarunternehmern Perspektiven. Inwiefern die Bioenergie dazu gehört wird sich noch zeigen. Der politische Wille dazu ist auf jeden Fall da. Genau wie die Absicht, der Grünen Gentechnik in Deutschland eine Chance zu geben. Landwirtschaftsminister Horst Seehofer hat dies eindeutig klar gestellt.

Allerdings kam er erst zu den entsprechenden Statements als er den so genannten Gammelfleisch-Skandal hinter sich gebracht hatte. Mit einem 10-Punkte-Programm will Seehofer künftig härter gegen kriminelle Lebensmittelhersteller und -händler vorgehen. Das klingt gut, trägt aber eindeutig populistische Züge, denn der gesundheitliche Verbraucherschutz in Deutschland ist im Weltmaßstab ohnehin erstklassig. Ebenfalls erstklassig sollte die deutsche EU-Ratspräsidentschaft werden. Das kommende Jahr lässt genügend Zeit, dass sich das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz darauf vorbereitet. Anfang 2007 ist es soweit: Deutschland übernimmt dann den Vorsitz. Das ist so sicher wie die begleitenden Proteste. Hoffentlich kommt ein wenig Offenheit für Neues hinzu.
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