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Hermann Steffen

zu Weizenpreisen

Dunstglocke

Die Eckdaten für die Weizensaison gewinnen an Konturen, aber die Details verbergen sich unter einer Dunstglocke, unter der sich die Preise hitzebehandelt aufblähen. Trotz Befürchtungen über Trockenheit und Mindererträge lässt sich in den gestiegenen Weizenpreisen ein hoher Anteil Spekulation und Verkaufszurückhaltung vermuten. Die heiße Witterung legt zwar Vergleiche mit dem extremen Sommer 2003 nahe, doch in einer Phase als es seinerzeit schon trocken war, gab es in diesem Jahr noch Niederschläge. Auch die 10 Prozent Minderertrag, die in aller Munde sind, relativieren sich etwas, beziehen sie sich doch auf die ursprünglichen Prognosen in Deutschland und Frankreich. Gegenüber dem Vorjahr werden bisher nur niedrigere Ernten von 2 bis 3 Prozent erwartet, und für die EU deutet sich lediglich eine unwesentlich kleinere Weizenernte an. Es gibt keinen Grund, einen Notstand bei Weizen auszurufen.

Sicherlich werden die Exportaussichten für qualitativ hochwertigen Weizen besser als im vergangenen Jahr beurteilt, zumal die EU an wichtigen fob-Märkten wettbewerbsfähig ist. Doch die Konkurrenz aus den Schwarzmeerhäfen bleibt. Wenn das im Handel angepeilte Exportvolumen von rund 16 Mio. t tatsächlich erreicht werden soll, müsste der Export schon aus der Ernte heraus anlaufen. Interessen für deutschen Weizen gibt es, aber es fehlt an Angeboten aus der Erfassungsstufe und der Landwirtschaft. Selbst wenn zum Erntebeginn Unsicherheit über Hektolitergewichte und Backeigenschaften zur Vorsicht mahnen, scheint sich ein Hausse-Denken bei vielen Abgebern festgesetzt zu haben. Bärische Argumente sind auch kaum in Sicht. Selbst wenn die Ernteergebnisse nicht so niedrig ausfallen wie erwartet, dürfte dies allenfalls dämpfend wirken. Doch der Weizen wird sich nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zurückhalten lassen und die EU-Kommission wird einem massiven Anstieg der Weizenpreise kaum tatenlos zusehen. Immerhin liegen 14 Mio. t Getreide in der Intervention und frühzeitige Interventionsfreigaben scheinen fast vorprogrammiert, so kritisch sie auch sein mögen.

Angesichts hoher Preise in den Seehäfen und in den Niederlanden ab September muten die Geldkurse inländischer Mühlen von 105 bis 110 €/t ex Ernte marktfremd an. Doch die Ernte kam früher als erwartet und viele Mühlen sitzen noch immer auf Partien aus der BLE-Ausschreibung. Selbst wenn es zu ihren Preisen einen kleinen Markt für Druckpartien aus der Ernte zu geben scheint, eine sichere Versorgung lässt sich damit nicht aufbauen. Die Mühlen werden gut beraten sein, sich frühzeitig dem Markt mit realistischen Kursen zu stellen, um noch gewissen Einfluss nehmen zu können. Ansonsten droht ihnen die Gefahr, dass sie von der Preisentwicklung überrollt werden, zumal die Mischfutterindustrie bisher auch erst wenig gekauft hat. Dass der Futtersektor den inländischen Weizenpreis bestimmen wird, gilt inzwischen als ausgemacht, denn er bindet allein über die Hälfte der inländischen Weizenverwendung. Dass für diese Saison so wenig Weizen auf Termin gehandelt wurde wie in keinem der Jahre zuvor, sollte zu denken geben.
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