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Horst Hermannsen

zum Fleischskandal

Unappetitlich

Eine inkompetente, sensationslüsterne Berichterstattung in den Massenmedien schürt Panik und verunsichert die Verbraucher zusätzlich. Unbelegte Thesen, vage Vermutungen und irrwitzige Behauptungen werden über Nacht zu Fakten hochstilisiert, die sich mit Windeseile verbreiten. Den Schauspielern der politischen Bühne liegt das Drehbuch längst vor. Ihre Reaktionen lassen Routine erkennen. „Wir müssen intensiver kontrollieren“, fordern ausgerechnet Minister und Staatssekretäre, die für Kontrolldichte und Neutralität verantwortlich sind. „Die Konsumenten haben ein Recht auf bessere Informationen“, sagen wiederum jene Politiker, die im Bundesrat bisher verhindert haben, dass kriminelle Etikettenschwindler und Kadaververkäufer ohne Wenn und Aber öffentlich genannt werden. Im neuen Verbraucherinformationsgesetz ist wieder keine Informationsverpflichtung vorgesehen. Wollen Seehofer und seine Länderkollegen endlich glaubwürdiger werden, dann müssen sie nachbessern.

Übel sind auch Aussagen, nach denen Fleischskandale die Folge der „Geiz-ist-geil“-Kampagne sein sollen. Der Angriff auf das Allerheiligste der Marktwirtschaft, die Preise, geht am Ziel vorbei. Ob Fleisch teuer oder billig ist, ökologisch oder konventionell erzeugt wurde: Sicher und unbedenklich hat jedes Produkt zu sein. Dafür hat die Politik zu sorgen. Die ist aber mehr mit sich als mit der Sache beschäftigt. Aktuell wird effektvoll dramatisiert, indem zwei Verbraucherschutzminister – Horst Seehofer auf Bundesebene und Werner Schnappauf in Bayern, beide CSU – einen künstlichen Streit miteinander ausfechten. Der verdutzten Bevölkerung soll mit diesem Schauspiel suggeriert werden: Die Angelegenheit ist so ernst, dass selbst Parteifreunde nicht geschont werden. Die Komödie ist durchsichtig. Nun muss als Feindbild gar die Größe eines Schlachtunternehmens herhalten. Die Behauptung „Groß ist schlecht und klein ist gut“ hat indes mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Konzernschlachthöfe werden rund um die Uhr von unabhängigen Veterinären überwacht. Gegenwärtig wird aus politischen Gründen der handwerkliche Metzger glorifiziert. Dabei wissen viele Verbraucher nicht, dass die meisten Metzger ihr Rindfleisch bei Großunternehmen kaufen. Metzger, die ihr Vieh selber beim Bauern erwerben und schlachten, sind in den Städten Ausnahmen und werden auf dem Land seltener. Problematisch sind Fleischhändler mit verwinkelter Kühlkette, die in aller Herren Länder und auf verschlungenen Wegen anonyme Partien inklusive Abfälle aufkaufen, bei denen das Verfallsdatum Makulatur ist. Sie haben keine Skrupel, zum Beispiel in Fernost fragwürdiges Geflügel und Schlimmeres zu ordern und hier mit falschen Etiketten zu versehen.

Gesetzesbrecher, skrupellose Geschäftemacher mit perfider krimineller Energie sind nicht auszurotten. Die Kontrollen sind wie Placebos für den Verbraucher. Solange jede Kreisverwaltungsbehörde Erkenntnisse über kriminelle Machenschaften für sich behalten darf, statt sie in eine zentrale Datenbank – möglichst bundesweit – einzugeben, wird sich nichts ändern. Wenn amtlichen Prüfern bei ihren Kontrollen entgeht, dass in Kühlhäusern Tonnen von Ekelfleisch vor sich hingammeln, dann sind sie unfähig oder sie machen – aus welchen Gründen auch immer – Augen und Nasen zu. Landräten die Lebensmittelkontrolle zu überlassen ist angesichts von Verfilzung und Abhängigkeiten ein Unding. In Bayern wird jedoch weiter auf dieses besondere Amigosystem gebaut. Es kann nicht verwundern, dass spektakuläre Fleischskandale überwiegend durch Zollbehörden oder anonyme Hinweise zur Anzeige gebracht wurden, nicht jedoch durch vom Steuerzahler finanzierte Prüfer.
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