1

Dietrich Holler

zur Grünen Gentechnik

Gerechtigkeit

Frankreichs Maisbauern schauen mit großen Augen nach Spanien. Zwar sind beide Länder Mitglieder der Europäischen Union. Doch südlich der Pyrenäen ist möglich, wovon die französischen Landwirte derzeit nur träumen können: Spanische Landwirte bestellen nahezu alle von Maiszünsler und Maiseule befallenen Anbauflächen mit resistentem Bt-Mais. Das entspricht ungefähr 60.000 ha mit gentechnisch verändertem (GV-) Mais. Zum Vergleich: Im Nachbarland Frankreich ernten die Landwirte in diesem Jahr gerade mal Bt-Mais von 5.000 ha. Allerdings ist der Maiszünsler auf 700. 000 bis 800.000 ha der französischen Maisanbaufläche ein wirtschaftlich bedeutender Schädling. Eine zaudernde nationale Politik schreckt die Bauern in Frankreich davon ab, Bt-Mais im ökonomisch gebotenen Umfang zu nutzen. Spanien, inzwischen zweitgrößter europäischer Mischfutterproduzent, importiert derweil die sehr kleine französische Ernte an Bt-Mais.

In dem noch ausstehenden nationalen französischen Gentechnik-Gesetz geht es um Haftung und Koexistenz. Und solange diese Punkte nicht geklärt sind, halten sich die Bauern trotz deutlichen Schädlingsdrucks mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) zurück. Einmal davon abgesehen, dass solche Zustände mit nationalen Regelungen bis hin zum Quasi-Verbot die gemeinsame Europäische Agrarpolitik, namentlich mit Blick von außerhalb der EU, als Lachnummer erscheinen lassen, ist die Frage erlaubt: Geht es wirklich um Koexistenz? In Frankreich, und noch weit mehr in Deutschland, wird viel über die Grüne Gentechnik debattiert und wenig dafür getan. Die akademisch-ideologisch geführte Diskussion über die richtigen Abstände von Kulturflächen mit GVO zu konventionell und ökologisch bewirtschafteten Äckern ist gleichermaßen ermüdend und zermürbend. Das soll nach dem Willen der Gentechnik-Gegner und ihrer politischen Helfer wohl auch so sein.

Und in der Haftungsfrage streben vermeintlich ökologisch motivierte Interessengruppen danach, GVO den Status eines Gefahrgutes zu verpassen. Die mittlerweile allseits gelobte Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel mit einem GVO-Anteil von mehr als 0,9 Prozent ist doch im Grunde nichts anderes als die Stigmatisierung der Grünen Gentechnik. Für Öko-Landwirte ist die Kennzeichnungspflicht sogar ein Hebel, um aus der Deklaration einen Haftungsgrund zu formen: Bio-Erzeugnisse sind nicht mehr als solche zu vermarkten, wenn der GVO-Anteil die Vorgaben der Abnehmer überschreitet. Das ist fraglos ein wirtschaftlicher Nachteil für den Anbieter dieser Ware. Doch wie verhält es sich mit der Rechtssicherheit für den GVO anbauenden Landwirt, der eine als unbedenklich zugelassene Sorte verwendet? Deren kommerzieller Anbau schließt das so genannte Inverkehrbringen mit ein. Juristen sprechen von einem Vertrauenstatbestand. Es ist doch mehr als fragwürdig, wenn sich dieser im Zweifel zivilrechtlich kippen lässt, weil die Lieferverträge der Öko-Landwirte definieren sollen, was ein Schaden ist. Gerechtigkeit ist etwas anderes.
stats