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Dagmar Behme

zur Situation in der deutschen Landwirtschaft

Gewandelt

Kraftstrotzend und energiegeladen präsentiert sich die deutsche Landwirtschaft zum Jahresende. Von Innovationsbereitschaft und Zuversicht sowie Aufbruchstimmung auf traditionellen und innovativen Agrarmärkten berichtet Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Der diesjährige Situationsbericht überrascht in vielerlei Hinsicht. Statt Klagen über Benachteiligungen überwiegt Stolz auf die erbrachte Leistung. Voll des Lobes ist Sonnleitner über die Segnungen der EU-Agrarreform und den Abbau von Interventionsmaßnahmen auf den EU-Agrarmärkten. Noch nicht einmal die Welthandelsorganisation WTO taugt als Buhmann für etwaige Benachteiligungen deutscher Landwirte. Das größte Wunder im Situationsbericht: Die eigentlichen Zahlen liefern wenig Grundlage für den fast überschäumenden Optimismus. Stattdessen weist die Statistik ein kleines Minus der Einkommen aus. Die Stimmung scheint besser zu sein als die Lage – eine solche Diskrepanz ist in Deutschland sehr ungewöhnlich, zumal in der Agrarwirtschaft.

Keinesfalls ungewöhnlich sind dagegen die wirtschaftlichen Rahmendaten, die der Situationsbericht ausweist. Eine Belebung der weltweiten Agrarkonjunktur zeichnet sich seit einigen Jahren ab. Die deutsche Landwirtschaft kann aus mehreren Gründen profitieren. Sie verfügt über ausgezeichnete Ressourcen und befindet sich in logistisch idealer Lage. Am deutlichsten zeigt sich dieser Vorteil in den atemberaubenden Steigerungsraten deutscher Agrarexporte. Die EU-Agrarreform hat den Landwirten zudem geholfen, Fesseln abzustreifen und sich stärker an den wachstumsträchtigen Märkten auszurichten. Diese werden gleichzeitig größer und leichter zugänglich, sowohl durch die EU-Erweiterungen als auch durch den Abbau von handelsstörenden Agrarsubventionen. Und nicht zuletzt hilft der Strukturwandel, den der Bauernverband mittlerweile nicht mehr als „Bauernsterben“ bezeichnet. Vielmehr hebt der Situationsbericht Fortschritte in der Arbeitsproduktivität der Landwirtschaft hervor. Wörtlich heißt es: „Der Einsatz von kapital- und wissensintensiven Produktionsmitteln ermöglichte einen rasanten Strukturwandel.“

Der Situationsbericht zeigt sehr deutlich, wo die eigentlichen Stärken deutscher Landwirte liegen. Fast die Hälfte des Produktionswertes erwirtschaften sie im Stall und damit mittlerweile einen höheren Anteil als auf dem Acker. Zahlreiche deutsche Agrarprodukte werden im heimischen Ernährungsgewerbe veredelt und tragen zur Konjunktur des deutschen Agrarexportes bei. Für diese Märkte sind weitere Wachstumsraten vorgezeichnet. Noch größeres Wachstum weist zurzeit die Bioenergie auf, allerdings verbunden mit einem schwer kalkulierbaren politischen Risiko. Von zu starker Marktregulierung haben sich die Landwirte in der Nahrungsmittelproduktion gerade mit Freuden verabschiedet, wie der Situationsbericht zeigt. Die Agrarenergie wird mit Sicherheit bald folgen. Geradezu visionär formuliert es DBV-Präsident Gerd Sonnleitner: Der Grundsatz „Markt muss Markt bleiben“ soll seiner Ansicht nach bei jeder Kalkulation berücksichtigt werden.
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