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Dietrich Holler

zur Grünen Woche 2007

Einfühlsam

Bundeskanzlerin Angela Merkel präsentierte sich zur Grünen Woche 2007 als sachliche und zupackende Regierungschefin. Ganz selbstverständlich eröffnete sie – und nicht, wie traditionell üblich, der Regierende Berliner Bürgermeister – die weltgrößte Schau der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Passend zur laufenden deutschen EU-Ratspräsidentschaft kommt José Manuel Barroso, Chef der EU-Kommission, nach Berlin und bekennt sich gemeinsam mit Merkel zum ländlichen Raum. Die Bundeskanzlerin empfiehlt in ihrer Eröffnungsrede den Landwirten Horst Seehofer als „einfühlsamen Minister“. Und die Diskussion über die Zukunft des Absatzfonds findet, wenn überhaupt, eher am Rande statt. Seit gestern Nachmittag ist auch dem breiten Publikum unter dem Berliner Funkturm alles Wurst.

Da geht es fast schon unter, dass der deutsche Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sich diese Woche eindeutig gegen die Grüne Gentechnik auf heimischen Äckern ausgesprochen hat: Die Verbraucher wollten keine gentechnisch veränderten Produkte und deshalb setze die Landwirtschaft hierzulande diese Technologie nicht ein, stellte Sonnleitner für seinen Verband in Berlin klar. Und was passiert, wenn die Konsumenten es prima finden, Lebensmittel im Supermarkt unter Einstandspreis zu kaufen? Die Bauernlobby hat deswegen über lange Zeit Kühe vor Märkte getrieben. So mutierte das betriebswirtschaftliche Unvermögen Einzelner zum nationalen Anliegen. Auch für die momentanen Nachschubprobleme im Biosortiment hat Sonnleitner eine Erklärung: Die Discounter hätten den Landwirten früh genug mitteilen sollen, dass sie Bioprodukte listen wollen. Theoretisch hätten die Ökolandwirte gemeinsam mit ihren Verbänden die Erzeugnisse offensiver anbieten können.

Für den Markt war aber wohl bislang nicht genügend Zeit übrig – geht es doch den Ökoverbänden samt ihrer politischen Fürsprecher oftmals mehr darum, Gentechnik einsetzende Landwirtschaft abzuwerten. Bundeskanzlerin Merkel warnte diese Woche in Berlin davor, dass Deutschland bei der Grünen Gentechnik wie bereits in anderen Zukunftstechnologien den Anschluss verpasse. Da ist Einfühlungsvermögen gefragt: Horst Seehofer stellte während der Grünen Woche in Aussicht, dass sich bei diesem Thema im Februar etwas bewegen könne, wenn die Sozialdemokraten in Kabinett und Koalition auf seine Eckpunkte zur Novelle des deutschen Gentechnik-Gesetzes reagierten. Allerdings finden Seehofer und Sonnleitner vor allem Forschung zur Gentechnik wichtig. Wer aber in einem Land forschen soll, das sich politisch der Anwendung verweigert, lassen beide offen.

Eindeutige Worte hat dagegen in Berlin Mariann Fischer Boel gefunden: Energie vom Acker ist für sie lediglich eine Nische. Treibstoffe der ersten Generation begeistern Fischer Boel nicht. Die EU-Agrarkommissarin hat seit ihrem Amtsantritt deutlich an Profil gewonnen. Das daraus resultierende politische Selbstbewusstsein macht sie wohl auch unabhängig genug, sich gegen einen Massentrend zu stemmen, wenn es die Vernunft gebietet.

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