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Horst Hermannsen

zur Milchpreisdiskussion

Feindbilder

Das Verhältnis zwischen dem Deutschen Bauernverband (DBV) und dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) erinnert irgendwie an die Parabel vom Wettlauf zwischen Hase und Igel. Romuald Schaber jedenfalls, Chefdemagoge des BDM, kann sich vor Freude die Hände reiben. Seit längerem schon gelingt es ihm und seinen wackeren Mitstreitern, den DBV als Getriebenen vorzuführen. Die irrwitzigen Forderungen und obskuren Drohungen des BDM führen immer häufiger zu Reaktionen des DBV, die nicht selten die Grenze zur Lächerlichkeit berühren. Der BDM darf sich dabei stets als Sieger des Rennens fühlen, da er die Ziele vorgibt. Damit gewinnt der BDM bei jenem Teil der deutschen Milcherzeuger an Attraktivität, denen es bis heute gelungen ist, die Grundregeln der Marktwirtschaft nachhaltig zu verdrängen.

Zugegeben, DBV-Präsident Gerd Sonnleitner müht sich redlich mit seinem schwierigen Spagat zwischen bestens ausgebildeten und gut informierten, unternehmerischen Landwirten auf der einen sowie den illusorischen Quotenanbetern auf der anderen Seite. Dabei sind Quoten nichts anderes als die sichtbare Angst vor Leistung und Wettbewerb. Diese Erkenntnis aber muss der Bauernpräsident für sich behalten. Was wirklich bedenklich stimmt, ist der Glaube so vieler Landwirte an die infantilen Versprechungen, die der BDM an einen Basispreis von 40 Cent/kg Milch knüpft. Mehr Selbstwertgefühl und ein neues Selbstbewusstsein werden da ebenso in Aussicht gestellt wie mehr Zeit und Geld für Hobbys. Auch müsse man bei diesem Milchpreis nicht mehr leben um zu arbeiten, sondern dürfe arbeiten, um zu leben. Dann werde auch problemloser ein Hofnachfolger gefunden und die eigenen Kinder könnten leichter mit anderen „mithalten“, garantiert der BDM. Bei so viel Einfalt verschlägt es einem mitunter die Sprache, und das ist vielleicht auch gut so. Bei jeder noch so vorsichtigen Kritik nämlich reagieren die Protagonisten des Verbandes mit verletzender Aggression. Auch lassen sie schon mal ein recht großzügiges Verhältnis zur Wahrheit erkennen.

Der Wunsch nach 40 Cent als Basispreis für einen Liter Milch wird sich erfüllen – und zwar nicht wegen der Aktionen des BDM, sondern trotz dieses Theaterdonners. Offen ist lediglich, wann dies der Fall sein wird und wie sich höhere Erlöse letztlich auf die Wirtschaftlichkeit der Milchviehhaltung auswirken. Mindestens so wichtig wie die Höhe des Molkereiauszahlungspreises ist doch die Frage, zu welchen Kosten die Milch erzeugt wird. Die Aufwändungen für Fremdarbeit, Futter und Energie jedoch werden deutlich steigen. Der Strukturwandel setzt sich auch deshalb unvermindert fort, ohne dass sich dies dramatisch auf das Milchangebot auswirkt. Die Anzahl der Milchviehhalter in Deutschland hat sich in den vergangenen 15 Jahren um mehr als 60 Prozent verringert; die Anlieferungen an die Molkereien veränderten sich dagegen kaum. Wer 10 oder 20 Kühe sein Eigen nennt, betreibt keine wirtschaftliche Milchproduktion, sondern frönt seiner Freizeitgestaltung, die Geld kostet. Wohl auch deshalb sind die Arbeitserledigungskosten in der süddeutschen Landwirtschaft so viel höher als in anderen Regionen. Demagogen brauchen unbedingt Feindbilder. Der BDM hat sich seine eigene Kundschaft, die Molkereien, dafür ausgesucht. Welcher Wirtschaftsbereich ist in einer so komfortablen Lage, dass er sich erlauben kann, seinen Abnehmern mit Lieferstreiks zu drohen?
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