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Bernd Springer

zur Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Agrarwirtschaft

Flussaufwärts

Bei allen Harmonisierungsbemühungen bleiben die Wettbewerbsbedingungen für die europäischen Landwirte doch unterschiedlich. Auch ist die Wettbewerbsfähigkeit keine statische Angelegenheit, sondern „ein zerbrechliches Gut“, wie Dr. Uwe Zimpelmann, Vorstandssprecher der Landwirtschaftlichen Rentenbank, Frankfurt, anlässlich des Symposiums der Edmund-Rehwinkel-Stiftung in der vergangenen Woche feststellte. Die Stiftung hat fünf Forschungsarbeiten unterstützt, die sich mit der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Agrarwirtschaft und den politischen, institutionellen und betrieblichen Herausforderungen beschäftigt haben.

So unterschiedlich die einzelnen Herangehensweisen auch waren, so ist doch deutlich geworden, dass es gleiche Wettbewerbsbedingungen nicht gibt. Immer wieder werden Richtlinien unterschiedlich ausgelegt, verschiedene regionale Schwerpunkte gesetzt und schließlich weicht das Einflusspotenzial der Spartenorganisationen stark voneinander ab. Festgestellt wurde, dass in Dänemark der Diskurs über Tierhaltungsauflagen erheblich ergebnisorientierter verläuft als in Deutschland. Dort würden die vorhandenen Spielräume ausgenutzt, um zu einem Konsens zu kommen. Große Übereinstimmung herrschte bei der Beurteilung, dass dies nicht nur am Verhalten anderer Interessengruppen liegt, sondern an der besseren Struktur und Position der Spartenorganisationen in Dänemark. Ähnliches gilt auch für Spanien und die Niederlande. Auch der Deutsche Bauernverband (DBV), vertreten durch seinen stellvertretenden Generalsekretär Adalbert Kienle, hat dem nicht deutlich widersprochen. Eindringlich wurde von den Referenten darauf hingewiesen, dass sich die deutschen Landwirte auch gerade für die absehbar zunehmende Verknappung an Lebensmitteln organisieren müssten, damit der zu erwartende Nachfrageschub nicht an ihnen vorübergeht. Von großem Einfluss sei hierbei der zügige Aufbau eines Informationssystems zur Befriedigung der Anforderungen aus Rechtsetzung, Cross Compliance und Handelsstandards.

Die Giessener Wissenschaftler Prof. Hermann Seuffert und Joachim Hesse verdeutlichten, dass Getreide vom Schnittzeitpunkt an rechtlich als Lebensmittel gesehen werden muss. In der landwirtschaftlichen Praxis werde dieser Tatsache noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit befürchten Prof. Achim Spiller und Julian Voss von der Universität Göttingen wegen der geringen Inanspruchnahme des EU-Systems zum Schutz geographischer Herkunftsangaben und Ursprungsbezeichnungen durch die deutsche Lebensmittelindustrie. Abgesehen davon, dass es nur wenige derartige Programme in Deutschland gebe, würden hier die protektionistischen Möglichkeiten des Systems überbewertet. Dagegen setzen vor allem die mediterranen Länder Herkunftsbezeichnungen zur Exportförderung ein.

Die durch die Stiftung geförderten Arbeiten konnten einige wunde Punkte für die dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft aufzeigen. Nun muss gehandelt werden. Interessenvertretung braucht bei aller Heterogenität der beteiligten Unternehmen gemeinsame Ziele, die mit einer Stimme verfolgt werden. Nur so lässt ich die Wahrnehmung bei den bisher oft nicht allzu wohlgesonnenen Verhandlungspartnern deutlich erhöhen. Der Land- und Ernährungsindustrie sollte es gelingen, sich gegen überzogene Auflagen zu wehren. Effizienzsteigerung in der Erzeugung alleine genügt nicht, um die Wettbewerbsposition zu sichern und zu verbessern. Auch die Außendarstellung und Interessenvertretung bedarf einer erhöhten Effizienz. So vergleicht denn Diskussionsleiter Prof. P. Michael Schmitz von der Universität Gießen den Wettbewerb um landwirtschaftliche Märkte mit einem sportlichen Wettbewerb im Rudern flussaufwärts. Vernachlässigt ein Team auch nur einen Einflussfaktor, wird es von der Strömung schnell um mehrere Positionen zurückgetrieben.

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