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Dagmar Behme

zur Versorgung mit Getreide

Angeheizt

Getreide wird im Wirtschaftsjahr 2007/08 so begehrt wie lange nicht mehr. So, wie sich in Deutschland Mühlen, Mischfutterhersteller und Bioethanolanlagen um den Rohstoff reißen, kaufen am Weltmarkt traditionelle Importländer wie Ägypten oder Marokko, was sie bekommen können. Die Angst um Versorgungsengpässe treibt den Preis nach oben. Die steigenden Preise wiederum lassen die Verkäufer abwarten, die Versorgung scheint dadurch noch enger und die Preisspirale dreht sich weiter. Das ist die geeignete Nahrung für Spekulationskapital, das an den internationalen Börsen die Preismeinung noch anheizt.

Weitere Nahrung erhält der Preisauftrieb durch fast täglich eingehende Nachrichten, dass Ernteschätzungen in wichtigen Anbauländern verringert werden. Anfang der Woche hat der Deutsche Bauernverband mit einer Prognose für die deutsche Getreideernte von unter 40 Millionen Tonnen die Reihe der Hiobsbotschaften ergänzt. Selbst wenn die Marke von 40 letztendlich doch noch überschritten werden sollte, bringt dies wenig Erleichterung. Denn in vielen anderen großen Getreideerzeugungsländern der Europäischen Union haben die Landwirte ebenfalls enttäuschende Druschergebnisse. Frankreich meldet wenig Weizen und Mais, im verregneten Großbritannien kommen die Mähdrescher nur schleppend zum Einsatz. Italiens Maisernte bringt nach langer Trockenheit nur dürre Ausbeute. Noch geringer sind die Maiserträge in den südosteuropäischen Ländern wie Bulgarien, Ungarn und Rumänien. Bulgarien, in normalen Jahren Exportland für Weizen und Mais, meldet Importbedarf für beide Getreidearten. Ungarn, das noch bis vor kurzem mit unverkäuflichen Maisinterventionsbeständen der EU-Verwaltung Kopfzerbrechen bereitete, entwickelt sich zur Quelle für die europäische Versorgung. Die Ausschreibungen aus den Beständen sind begehrt, allerdings nur erhältlich zu hohen Preisen. In Polen, wo voraussichtlich eine bedarfsdeckende Getreideernte eingebracht worden ist, sorgen sich Mühlen über den regen Abfluss des Getreides nach Deutschland und Nordafrika. In den polnischen Medien gibt es angesichts steigender Brotpreise erste Diskussionen, sogar innerhalb der EU die Grenzen abzuschotten.

In den angrenzenden europäischen Ländern sieht es kaum besser aus. Kroatien und Serbien erwarten weniger als die Hälfte der Vorjahresernte an Mais und haben schon die Grenzen dicht gemacht, damit der wenige Mais nicht noch in die Nachbarländer abfließt. Die Ukraine hat sich schon vor Wochen vom Exportmarkt verabschiedet. Selbst die EU, eigentlich großes Exportland, wird 2007/08 schätzungsweise nur etwa 2 Millionen Tonnen Getreide netto exportieren können – gerade ein Viertel der Vorjahresmenge.

Entsprechend nervös werden die Einkäufer am Weltmarkt. In den klassischen Importländern in Nordafrika, im Nahen Osten und in Asien müssen sie tief in die Tasche greifen, um bei ihren Ausschreibungen an Getreide zu kommen.

Nach jahrelangen Diskussionen, wie Getreideüberschüsse verhindert werden können, scheint plötzlich die Frage akut, wie Mangel verhindert werden kann. Die hitzige Diskussion sollte jedoch nicht zu einer Abschottung der Märkte führen. Viel wichtiger ist, dass Landwirte wieder Freude an der Erzeugung haben und weniger darüber nachdenken müssen, wie sie ihren Weizen verheizen.

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