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Dietrich Holler

zum russischen und chinesischen Agrarsektor

Längerer Hebel

Als Energieexporteur zeigt Russland regelmäßig, im ganz wörtlichen Sinn, wer am längeren Hebel sitzt: Einfach mal den Hahn an der Gaspipeline ein wenig zudrehen und die Lieferungen ins Ausland reduzieren. So werden Nachbarstaaten wieder zügig auf den von Moskau gewünschten politischen Kurs gebracht. Russland verdient über seine Energieexporte Milliardensummen, hat es aber bislang nicht geschafft, mit den Einnahmen seine gesamte Infrastruktur fundamental zu verbessern. Gerade im Landwirtschaftssektor bewegt sich das riesige Land auf einem Niveau, das weit unter den naturgegebenen Möglichkeiten liegt. Zwar hat der russische Präsident Wladimir Putin, zumindest offiziell, gefordert, dass die Oligarchen als Profiteure des boomenden Energieexports auch in die Landwirtschaft investieren sollen.

Doch was nutzt das Geld, soweit es überhaupt in den landwirtschaftlichen Betrieben ankommt, wenn vor Ort landwirtschaftliches Missmanagement dominiert? Das Ganze ist kein isoliertes Problem des Agrarsektors. Einige Beobachter rechnen damit, dass zum kommenden Frühjahr in Russland die Preise für Lebensmittel um mehr 70 bis 80 Prozent steigen. Spätestens dann wird es für viele russische Habenichtse, die gegenwärtig mehr als die Hälfte ihres bescheidenen Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, richtig eng. Die russische Administration sollte nur zu gut wissen: Mangelnde Versorgung bildet einen idealen Nährboden für den geballten Volkszorn. Und dass nationale russische Behörden, offiziell für phytosanitäre und veterinärrechtliche Fragen zuständig, quasi politkommissarisch die Nahrungsmittelimporte verknappen, lässt nichts Gutes ahnen.

Selbstverständlich kann breiter Unmut in der Bevölkerung mit Gewalt unterdrückt werden. Russland hat damit seine Erfahrungen, sein riesiger Nachbar im Osten ebenfalls: China scheint jedoch im Gegensatz zu Russland erkannt zu haben, dass eine effiziente Landwirtschaft nach innen wie außen eine sichere Position verschafft.

Der zentrale Spannungsbogen künftiger politischer Bedrohungsszenarien zieht sich ohnehin eher über den Pazifik und weniger über Eurasien. So stehen die schrumpfenden chinesischen Endbestände an Getreide enorm wachsenden Währungsreserven gegenüber. Derzeit verfügt China über rund 1.300 Mrd. US-Dollar. Rein theoretisch könnte China das Geld nutzen, um indirekt ein wenig darüber mitzureden, wer der nächste US-Präsident wird: Im US-Wahlkampf zählt das Geld. Je mehr, desto besser sind die Chancen für den Kandidaten.

Chinas Zugriff auf landwirtschaftliche Ressourcen legt permanent zu. Die rapide wachsende Wirtschaft des Landes sichert sich außerdem in verstärktem Maß weltweit den Zugang zu Energiequellen. Unbeschwert von ethischen Investitionshemmnissen kommt China so beispielsweise mit afrikanischen Potentaten ins Geschäft. Spätestens, wenn die chinesische Landwirtschaft noch weitere Sprünge nach vorne schafft, sitzt das Land am längeren Hebel – weltweit.
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