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Olaf Schultz

zur Mehrgefahrenversicherung in Deutschland

Weitsicht

Weitsicht ist besser als Nachsicht, weiß der Volksmund zu berichten. Schnellstens empfehlenswert wäre Erstere insbesondere für die Landwirtschaft. Sie kann wohl wie keine andere Branche ein Lied davon singen, was es bedeutet, sein Gewerk unter freiem Himmel zu betreiben. Eine neue Dimension erlangt das Phänomen mit dem globalen Klimawandel. Ob dieser bislang lediglich erste Anfänge zeigt oder gar schon die volle Breitseite bietet, ist für die Betroffenen zweitrangig. Vielmehr sprechen die Fakten für sich: Immer häufiger auftretende Wetterextreme in unseren Breiten verursachen große finanzielle Schäden bei den Bauern. Ein Versicherungsumfang, der weit mehr abdeckt als das Hagelrisiko, ist hierzulande bislang kaum zu haben.

Die Antwort auf die Frage „Warum?“ ist schnell formuliert. Ein Versicherungspaket, das alle hoch risikobehafteten Gefahren berücksichtigt, ist an eine Bedingung geknüpft. Der Staat muss die erforderlichen Versicherungsprämien durch Zuschüsse unterstützen. Permanent leere Haushaltskassen dürften in der Vergangenheit der Ursprung für die ablehnende Haltung der Bundesregierung gewesen sein. Angesichts zunehmender Witterungsunbilden in Mitteleuropa stellt sich die Frage, wie lange diese „Rechnung“ für die Landwirte in Deutschland noch aufgeht. In vielen Ländern der EU können sich Landwirte bereits seit einigen Jahren für Mehrgefahrenversicherungen entscheiden. Den Farmern in den USA wird bereits seit den dreißiger Jahren eine Versicherung gegen Ernteausfälle angeboten. Die erforderlichen Prämien bezuschusst die US-Regierung mit bis zu 75 Prozent. Nur so können die Beiträge für die Landwirte überschaubar bleiben. Zudem sind diese Gelder WTO-konform. Eine praktizierte Risikopartnerschaft zwischen Versicherungswirtschaft, Staat und Landwirt bietet für alle Beteiligten eine Reihe von Vorteilen. Der Landwirt erlangt bei Ernteausfällen eine bessere Absicherung von Liquidität und Einkommen. Unter dem Aspekt des Risikomanagements trägt der Abschluss einer Mehrgefahrenversicherung aus Sicht der Banken auch dazu bei, die Position des Landwirts bei Kreditanfragen zu verbessern. Der Staat wird im Katastrophenfall nicht finanziell überfordert, weil die Versicherer entsprechende finanzielle Rückstellungen gebildet haben. Die Versicherungswirtschaft schließlich kann mit dem staatlichen Prämienzuschuss auch Naturgefahren in Deckung nehmen, die zuvor nicht berücksichtigt werden konnten.

„Handeln“ lautet das Gebot der Stunde für die Verantwortlichen. Seine Hausaufgaben gemacht hat bis dato jedenfalls der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin. In einem kürzlich vorgelegten Positionspapier plädiert er für die Einführung einer Ernte-Mehrgefahrenversicherung in Deutschland. Das Gros an Schadensbilanzen des GDV belegt eindrucksvoll, wieso. Dem Vernehmen nach haben die Signale des GDV mittlerweile das Berliner Agrarressort erreicht. „Konstruktiv und durchaus überlegenswert“ lautet die Einschätzung dort. Klug sein vor dem Schaden ist auch eine Form der Weitsicht.
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