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Horst Hermannsen

zum Milchstreit

Ohne Orientierung

Doppelbödiges Verhalten wird dem Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) und dem Milch-Board vorgeworfen. Dabei mag manche Anschuldigung übertrieben sein, vieles davon wird jedoch bestätigt. Von Hof zu Hof ziehen die Werber der Organisationen, um die Milchbauern zum Beitritt zu drängen. Häufig betreiben sie ihr Geschäft wie Drückerkolonnen. Eine wesentliche Auflage des Milch-Board, nämlich Landwirte über ihre Rechte und Pflichten schriftlich zu informieren, wird unzureichend erfüllt. Diese Praktiken tragen Unzufriedenheit und Misstrauen in die Dörfer. Zur Orientierungslosigkeit trägt darüber hinaus in Bayern das Verhalten der Politik und des Bauernverbandes bei. Auf dem Deutschen Bauerntag 2007 in Bamberg hat sich eine Mehrheit der Delegierten für die Abschaffung der Milchquotenregelung ausgesprochen. Im Brustton voller Überzeugung betonte Gerd Sonnleitner als Präsident des Deutschen Bauernverbandes, dass dieses Votum Gültigkeit habe und auch jene Verbandsmitglieder binde, die zunächst eine andere Meinung vertreten hätten.

Warum aber klärt der Bauernverband nicht die bayerische Staatsregierung über den Willen der Landwirte auf? Stattdessen zollen die Verbandsprotagonisten dem neuen Ministerpräsidenten mehr als nur höflichen Beifall, wenn der sich für eine Fortführung der Milchquote über das Jahr 2015 hinaus ausspricht. Günther Beckstein: „Ich verstehe mich hier als Anwalt der Bauern.“ Wer aber schützt die Bauern vor Advokaten, die im gleichen Atemzug davon sprechen, dass ein weltweit liberaler Agrarhandel den Landwirten mehr Vor- als Nachteile bietet?

Weiß die Regierung des Freistaates überhaupt, dass die Quote einer Teilnahme am globalen Geschäft enge Fesseln anlegt? Zweifel sind angebracht. Schließlich empört sich Bayerns Landwirtschaftsminister Josef Miller künstlich über den Vorschlag der EU-Kommission, die Milchquote von April kommenden Jahres an um 2 Prozent zu erhöhen. Logik steht dem Minister dabei nicht zu Gebote, wenn er verkündet, eine Erhöhung der Milchmenge ergebe keinen Sinn, weil derzeit die Quote in der EU nicht voll ausgenutzt werde. Miller übersieht vor lauter Populismus: Eine Erhöhung der Quoten schmerzt die europäischen Bauern nicht, aber sie können bei steigender internationaler Nachfrage profitieren. Von Gerd Sonnleitner indes wünschen sich die deutschen Landwirte, dass er ihre Interessen in seinem Heimatland Bayern unmissverständlich vertritt.

Auf für ihn entlegene Felder begab sich der Präsident des Bayerischen Genossenschaftsverbandes Stephan Götzl, als er seine Vorbehalte gegen eine Zersplitterung bäuerlicher Interessenvertretung und Vermarktung in Sachen Milch kundtat. Da er nicht den freundschaftlichen Rat ihm nahestehender Fachleute suchte, sondern lieber strategischen Scharfmachern zu Gefallen war, merkte er zu spät, welch vermintes Terrain er betrat. Seine überstürzte Wendung, die in der Aussage mündete: „Ich sehe nach der Genehmigung des Milch-Boards durch das bayerische Landwirtschaftsministerium mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes“, wirkt peinlich und hätte vermieden werden können. Si tacuisses, philósophus mansisses – Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben.
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