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Rote Braut

Von Simone v. Heimburg, Frankfurt/M.

Dringend mußte die RHG Frankfurt unter die Haube. Eine andere Wahl als die Vereinigung mit der RWZ Rheinland gab es praktisch nicht. Die einzige Alternative zu dieser Fusion bestand in der Fusion mit einer anderen Hauptgenossenschaft. Die Ungeduld der Banken ließ für andere Zukunftspläne der als Risikounternehmen eingestuften RHG aber keinen Spielraum. Mit den Polterabenden können die Vorstände Bolhöfer und Wilkening sowie Baisch und Spulak als Brautführer zufrieden sein. Die Generalversammlungen bei RWZ und RHG begrüßten nahezu einhellig die Vereinigung zur RWZ Rhein-Main. Kaum ein böses Wort trübte die Hochzeitsstimmung.

Seit die Fusion mit dem Segen des Kartellamts verabredet war, gingen beide Hauptgenossenschaften Hand in Hand. In Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen erfaßtes Getreide wurde in Köln finanziert. Nur so konnte die durch Kreditlimits in Bedrängnis geratene RHG den Landwirten im Herbst die angelieferte Ware bezahlen. Diese "Sondereinflüsse" wiederum verschönerten den Umsatz der RWZ. Das durchgereichte Warengeschäft führte zu einem greifbaren Plus in der Bilanz 1998 des Kölner Unternehmens. Es erlaubte so einen Vorgeschmack auf die Auswirkungen der Zusammengelegung. Daß die Braut zur Hochzeit den Bilanzzahlen zufolge Rot trägt, kümmert wenig. Vielmehr interessieren die gesparten Steuern, die die RWZ ohne diese Fusion abführen müßte. Im ersten Jahr der RWZ Rhein-Main wird der Gewinn vor Steuern auch der Gewinn nach Steuern sein, pries RHG-Vorstand Spulak diese Mitgift der Frankfurter. Sobald die RWZ Rhein-Main sich als solides Unternehmen bewiesen hat, könnte sie in zwei, drei Jahren ihrerseits auf Freiersfüßen wandeln. Denn Zwang zu Größe und Umsatzwachstum gilt schon jetzt als vornehmster Grund für die gebilligte Fusion. Diese Entwicklung wird weitergehen. Als weitere Kandidaten kommen zunächst die beiden umsatzschwächsten Hauptgenossenschaften in Frage. Die vorsichtig taktierende RWZ Kassel sitzt mit ihrem Geschäftsbereich eingeklemmt zwischen der RHG Hannover und der neuen RWZ Rhein-Main. Über ein Zusammengehen von Kassel und Frankfurt wurde lange gemunkelt. Doch jetzt lenkt der angestrebte Ausbau des Geschäftsbereichs Weinbau/Kellereibedarf, für das RHG-Vorstand Baisch künftig verantwortlich zeichnet, die Aufmerksamkeit der Beobachter in Richtung Süden. Aber für die dort ansäßige ZG Karlsruhe könnte auch die WLZ in Stuttgart ein interessanter Partner sein.

Für weitere mögliche Zusammenschlüsse ist die Sorge um hinreichendes Umsatzwachstum eine trügerische Triebkraft. Geblendet von wachsenden Umsatzzahlen bleiben aussagekräftige Kenngrößen wie die Umsatz- und Kapitalrendite zu leicht unbeachtet. Wie das Beispiel der RHG Frankfurt zeigt, bewahrt Umsatz - das im Agrargeschäft gerne gepflegte Schönheitsideal - keineswegs vor dem wirtschaftlichen Abstieg. Dies wird in den kommenden Jahren noch sichtbarer, wenn sinkende Garantiepreise für Agrarprodukte Umsatzzuwächse bremsen. Nur gepaart mit Erträgen machen Umsätze einen Fusionspartner zur wirklich guten Partie.
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