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Tiefrot

Von Daphne Huber-Wagner, Frankfurt a.M.

Das neue Düngemitteljahr hatte am 1. Juli längst begonnnen, da trudelten mit Verspätung in den vergangenen Tagen die neuen Einlagerungskonditionen für N-Düngemittel für die Saison 1999/2000 von einigen westeuropäischen Produzenten beim Düngemittelhandel ein. Noch scheint der Bedarfszeitpunkt für die erste Stickstoffgabe im nächsten Frühjahr in weiter Ferne zu liegen. Doch haben die Hersteller schon jetzt ein großes Interesse daran, Abnehmer zu finden, die in den kommenden Monaten Düngemittel einlagern. Das ist kein leichtes Vorhaben der Industrie. Schon gar nicht, wenn den Händlern Einlagerungskonditionen präsentiert werden, die nur in Nuancen von den unattraktiven Bedingungen des Vorjahres abweichen.

Der Unmut beim Handel ist groß. In Zeiten, in denen sich seit Monaten die Düngemittelpreise im freien Fall nach unten befinden, entsprechen die neuen/alten Konditionen seiner Ansicht nach nicht mehr den aktuellen Marktverhältnissen. Selbst die bereitwilligsten Agrarhändler und Landwirte können mit den neuen Konzepten nicht mehr hinter dem Ofen hervorgelockt werden. Wie schon in den beiden Vorjahren rutschten die Tagespreise für N-Dünger in der Verbrauchssaison im Frühjahr unter das Niveau der vermeintlich günstigen Einlagerungspreise. So mußte mancher Lagerhalter, der sich im vergangenen Sommer an der frühen Einlagerung beteiligt hatte, in diesem Frühjahr darum bangen, ohne finanzielle Verluste aus seinem Lager-Engagement herauszukommen.

Schuld an der Preismisere ist vor allem ein Überangebot an N-Düngern, das weit die rückläufige Nachfrage in Westeuropa übersteigt. Aber auch auf dem Weltmarkt gibt es wenig Anzeichen für eine Belebung der Nachfrage, da die großen Abnehmerländer wie China und Indien seit fast zwei Jahren keine N-Dünger wie beispielsweise Harnstoff einkaufen. Angesichts dieser wenig erfreulichen Marktaussichten verspüren die Händler wenig Interesse, sich auf ein neues Abenteuer "frühe Einlagerung" einzulassen. Das einzige, was sie noch umstimmen könnte, sind umfangreiche Preisgarantien - wenn möglich, über die gesamte Einlagerungszeit von Juli/August bis zum Verbrauchszeitraum im März und April. Aus verständlichen Gründen sind die Produzenten nicht gewillt, dieses Preisrisiko völlig auf sich zu nehmen, ohne den Handel miteinzubinden. Erinnerungen an die Jahre 1991 bis 1993 werden wach, als tiefrote Zahlen die Vorstände zu drastischen Kapazitätsstillegungen in den Düngemittelwerken veranlaßten. Nur durch diese Maßnahmen konnte - wenn auch nur für kurze Zeit - wieder ein ausgeglichenes Marktgleichgewicht mit erträglichen Gewinnmargen bei Herstellern und Händlern erreicht werden.

Noch darf der Landwirt sich im Gerangel um Einlagerungsmengen und Preisnachlässe zwischen Industrie und Handel als lachender Dritter fühlen. Er kann gelassen dem kommenden Frühjahr entgegensehen und davon ausgehen, daß sich sein Agrarhändler alle "logistischen Beine ausreißen" wird, um ihm möglichst im 24-Stunden-Service die gewünschten Düngermengen zum günstigsten Tagespreis bereitzustellen. Solange Dünger auf dem Weltmarkt nicht außergewöhnlich stark nachgefragt wird, sprechen für den Landwirt und gewissermaßen auch für die Händler viele Gründe dafür, die Läger lieber mit Getreide als mit Düngemitteln zu füllen. Doch dürfen die vermeintlichen Wohltätigkeiten der Industrie nicht unterschätzt werden. Seit einiger Zeit werden Produktionsstraßen von Düngemittelanlagen in Westeuropa vorübergehend abgeschaltet. Sie sollten zumindest als Vorboten von geplanten größeren Stillegungsmaßnahmen verstanden werden. Denn die Geduld der Hersteller von Düngemitteln könnte bald zu Ende sein.
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