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Selbstkritik

Von Angela Werner, Frankfurt a.M.

Immer noch ist die Meinung in den Life-Science-Unternehmen weit verbreitet, dass der Einzug der Gentechnologie in allen Bereichen des menschlichen Lebens nicht mehr aufzuhalten sei. Es handle sich nur um eine Frage der Zeit. Bis dahin heisse es abwarten und Tee trinken. Wer aber meint, die Würfel für die Grüne Gentechnik seien bereits gefallen, der hat die Rechnung ohne die Konsumenten gemacht. Selbst die Phalanx der Anbieter bröckelt. Jüngstes Beispiel ist der US-Konzern Monsanto, der am agressivsten für die Etablierung von GV-Produkten am Markt gestritten hat. Auf öffentlichen Druck hin hat das Unternehmen in dieser Woche seinen Rückzug aus der Terminator-Technologie erklärt und sich für sein arrogantes öffentliches Auftreten in Bezug auf die Diskussion um den Einsatz der Gentechnologie entschuldigt. Pikanterweise verlautbarte Monsanto-Chef Robert Shapiro sein mea culpa auf einer Konferenz von Greenpeace in London.

Anscheinend möchte Monsanto retten, was noch zu retten geht - nicht nur in Europa. Auch in der US-Bevölkerung, die bisher fortschrittsgläubig und vertrauend auf die staatlichen Kontrollen gekauft und geschluckt hat, was in den Regalen angeboten wurde, wächst die Ablehnung gegen Gentechnik. Nicht nur Monsanto hat Schwierigkeiten, sich in der Öffentlichkeit glaubwürdig darzustellen. Die gesamte Life-Science-Branche steckt in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise, was die Gentechnik-Diskussion angeht. Bislang ist es keinem Unternehmen gelungen, einen Nutzen im Lebensmittelbereich glaubwürdig zu kommunizieren. Das Argument, nur mit Hilfe der Gentechnik sei es möglich, die Welternährung - vor allem mit Blick auf die Entwicklungsländer - zu sichern, ist nicht besonders stichhaltig. Denn die nächste GV-Produktgeneration, die in Aussicht gestellt wird, sind die sogenannten "Functional Foods". Diese Produkte, die als gesundheitsfördernd angepriesen werden, tragen jedoch überwiegend den Verbraucherwünschen nach Genuss, Abwechslung und Exotik Rechnung und sind für Mitglieder von satten Wohlstandsgesellschaften gemacht. In Ländern, wo es allein um die Sicherung der Nahrungsversorgung geht, tragen sie in keinerweise zur Lösung der dort anstehenden Probleme bei. Stattdessen fürchten diese Länder angesichts des möglichen Einsatzes der Terminator-Technologie um ihre Saatgutversorgung und dass sie von einigen wenigen Saatgutanbietern abhängig werden. Der Nutzen liegt bislang vorwiegend bei den Herstellern und diesen haftet zudem der Makel von Profitgier und Monopolisierung an.

Wünschenswert wäre, wenn die Life-Science-Konzerne ihre Unternehmensziele und ihre Haltung selbstkritischer unter die Lupe nehmen würden. Längst geht es in der Gentechnik-Debatte nicht mehr darum, ob diese Technologie grundsätzlich eingesetzt wird, sondern darum, wo und vor allem wie damit umgegangen wird. Wie Robert Shapiro sagte: "Die Gentechnik selbst ist nicht gut oder schlecht. Sie kann in gutem oder in schlechtem Sinne eingesetzt werden. Wie jedes andere wichtige, neue Instrument schafft sie neue Wahlmöglichkeiten für die Gesellschaft." Nur muss man ihr auch die Wahl lassen!
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