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Abfuhr

Von Gisela Haas, Berlin

Für alle deutschen Landwirte wird 1999 als ein Jahr der Ernüchterung für den Berufsstand in Erinnerung bleiben - doch wenige Regionen mussten sie so hautnah und konsequent erleben wie die Brandenburger. Die Härten der Agenda 2000 und Haushaltskürzungen konnten noch im Gemeinschaftsgefühl abgelehnt werden. Der unglücklich verlaufene Deutsche Bauerntag im brandenburgischen Cottbus - unter zahlreicher Teilnahme der heimischen Landwirte - war von der Abfuhr durch Bundeskanzler Gerhard Schröder geprägt. Angenehm mildern konnten dort noch die wohltuenden Worte von Ministerpräsident Manfred Stolpe, der sich mit den Bauern solidarisch erklärte. Aber zu der Zeit stand er in Brandenburg vor der Landtagswahl.

Genau dieser Manfred Stolpe hat nun nur rund ein viertel Jahr später seine Bauern "maßlos enttäuscht", indem er bei der Ministerbestellung alle Wünsche des Berufsstandes in den Wind schlug. Der Verband hatte sich ungewöhnlich deutlich zu Gunsten des bisherigen Agrarministers ausgesprochen, der sich seit seiner Amtsübernahme die Wertschätzung der Brandenburger Bauern erworben hat. Dies ist dem neuen Agrarminister Wolfgang Birthler nicht gelungen - im Gegenteil. Der bisherige SPD-Fraktionsvorsitzende hat sich durch sein Engagement für den Nationalpark Unteres Odertal etliche klare Gegner in den bäuerlichen Reihen zugezogen. Denn im Streit zwischen den dortigen Naturschützern und Landwirten teilt er nicht Stolpes in Cottbus geäußerte Haltung, im Zweifelsfall seien die Bauern die besseren Naturschützer. Nach der Wahl sieht Stolpe alles anders, er setzt auf einen Vertreter des anderen Lagers.

Einmal mehr erleben die Landwirte in Brandenburg, dass ihre Anliegen nicht mehr - wie traditionell selbst eingeschätzt - als die einer großen Bevölkerungsgruppe angesehen werden. Es ist nun mal eine zwangsläufige Konsequenz, dass wenige große, mitarbeiterarme Unternehmen nicht stellvertretend für bedeutende Wählergruppen agieren können. Während sämtliche irgendwie Umweltinteressierte einst die Grünen zu einer Größe oberhalb von fünf Prozent wachsen ließen, ist das gesellschaftliche Interesse an der Landwirtschaft zu gering geworden, um eine Partei auf sich zu orientieren.

Selbst die Interessen des ländlichen Raumes können in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mehr uneingeschränkt mit jenen der dort tätigen Agrarunternehmen gleichgesetzt werden, wie beispielsweise die verschiedenen Aspekte zum Thema Windenergie zeigen. Statt den Politikern die Gewichtung ihrer Themen vorgeben zu können, werden die Landwirte von diesen zunehmend mit unliebsamen Entscheidungen konfrontiert. Die jeweils darauf folgende Wut der Verbände gehört zum Ritual, genau wie das - allerdings mit einiger Verspätung - inzwischen artig an Birthler verschickte Glückwunschschreiben des Brandenburger Bauernverbandes. Der Berufsstand könnte einen würdigeren und mehr Vertrauen erweckenden Eindruck von seiner Urteilfähigkeit liefern, wenn er sich zukünftig weniger häufig und auffällig im Ton vergreifen würde.
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