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Notstrom

Von Dagmar Rees, Frankfurt am Main

Wahrscheinlich geht alles glatt über die Bühne beim Jahrtausendwechsel. Die Betriebe haben sich drauf vorbereitet, die EDV umgestellt, Zählwerke ausgetauscht, alte Anlagen ersetzt. Dennoch: Ein Rest Zweifel bleibt. Und die große Frage: Was passiert, wenn der Strom ausfällt? Niemand kann hier die Wahrscheinlichkeit beziffern. Doch keiner kann einen Stromausfall mit 100prozentiger Sicherheit ausschließen. Manche wollen auch lieber gar nicht daran denken. Denn die Auswirkungen sind radikal. In der Agrarwirtschaft funktioniert nichts mehr ohne Strom.

In den Mühlen und Mischfutterwerken stehen die Walzen, Schnecken, Waagen still. Selbst Vorproduktion nützt wenig, wenn die meisten Silos mit elektrisch gesteuerten Schiebern ausgestattet sind. Der Vorrat kann nicht verladen werden. In den Milchwerken fällt die Kühlung aus. Diesel- und Heizöllieferungen kommen nicht beim Kunden an, weil die Pumpen nicht funktionieren. Der reine Agrarhandel ist vergleichsweise wenig betroffen, da es wenig Vorgänge gibt, die nicht doch um einen Tag verschiebbar sind. Die meisten Betriebe der Agarwirtschaft haben zumindest einen Vorteil: Der 1. und der 2. Januar fallen auf ein Wochenende - Tage, an denen sowieso nicht gearbeitet werden würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass am 3. Januar der Strom fließt wie gewohnt, ist groß. Selbst die größten Pessimisten rechnen nur mit einem Stromausfall zwischen 2 Stunden und 2 Tagen. Verratzt sind die Tierhalter. Die Schweinehalter können sich noch durchwinden, indem sie sich darauf vorbereiten, im Notfall per Hand füttern zu können. Ein Ausfall der Lüftung ist im Januar ebenfalls nicht ganz so dramatisch. Doch was passiert mit den Milchkühen? Ein halber Tag ohne Melken kann durchgestanden werden, dann wird es kritisch. Handmelken entfällt: Selbst wenn die Kühe das mitmachen würden, wo findet man Handmelker für 70 Kühe? Die Milch, wenn sie dann irgendwie gewonnen ist, muss jedenfalls abgeschrieben werden, da sie nicht vorschriftsmäßig gekühlt werden kann.

Möglichkeiten, sich auf einen eventuellen längeren Stromausfall vorzubereiten, gibt es wenige. Der einfachste Weg ist ausgebucht. Leih-Notstromaggregate für den Jahrtausendwechsel sind seit Mitte des Jahres vom Markt verschwunden. Allenfalls mit viel Glück kann noch ein Aggregat ergattert werden, das vorzeitig zurückgegeben wird. Für kleinere Betriebe oder die Milchviehhalter kann ein Blick in die Baumärkte lohnen. Sie verkaufen - noch? - Notstromaggregate. Ob die Leistung für den Notbedarf reicht, ist zu klären. Vorstellbar wäre, daß sich einige Milchviehhalter zusammentun und im Notfall zeitlich versetzt melken. Doch schon das einfachste Gerät kostet um die 1 000 Mark. Silvester 1999 kann teuer werden.
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