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Einschnitt

Von Daphne Huber-Wagner, Frankfurt am Main

Die Wolken am Markt für N-haltige Düngemittel scheinen sich immer mehr zu verdichten. Die Preise für N-Einzeldünger wie KAS, Harnstoff und AHL haben einen weiteren Tiefstand erreicht. Entsprechend finster waren vor kurzem die Mienen auf der jährlichen Mitgliederversammlung der europäischen Düngemittelhersteller (EFMA) in Brüssel. Sie machten keinen Hehl daraus, wie schlecht es um die Gewinnsituation bei der Produktion von Düngemitteln bestellt ist. In einer abschließenden Verlautbarung wollten deshalb die Produzenten Stilllegungen von Düngemittelkapaziäten in absehbarer Zeit nicht mehr ausschließen, um der Lage wieder Herr zu werden.

Zum ersten Mal geben die EFMA-Mitglieder zu, dass sie auch selbst zu der Misere am westeuropäischen Markt für Stickstoffdünger beigetragen haben. Seit 1994 wurden die bestehenden Produktionskapaziäten nicht mehr an den rückläufigen Düngemittelverbrauch in Westeuropa angepasst. Dazu kommt die rückläufige Exportnachfrage nach Harnstoff, nachdem China und Indien als Hauptabnehmer weggefallen sind. Auch für die kommenden Jahre sind die eigenen EFMA-Berechnungen wenig ermutigend. Demnach dürfte in den kommenden zehn Jahren der Verbrauch von Stickstoff um ein weiteres Fünftel zurückgehen. Derzeit liegt der Stickstoffverbrauch in Westeuropa noch bei rund 9 bis 10 Mio. t N. Exakte Angaben über die genaue N-Produktion werden von den Produzenten nicht gemacht. Das hat kühne Rechner nicht davon abgehalten, den derzeitigen Kapazitätsüberschuss auf 2,5 bis 3 Mio. t N zu beziffern. Hinter vorgehaltener Hand werden diese Zahlen mittlerweile von allen Marktteilnehmern bestätigt. Die beiden skandinavischen Chemiekonzerne Kemira Oy und Norsk Hydro haben in der vergangenen Woche den Reigen eröffnet und einschneidende Maßnahmen für ihre Düngemittelsparte angekündigt. Kemira ist auf der Suche nach neuen Eigentümern oder einem Joint-Venture-Partner für das N-Einzeldüngergeschäft, wovon Produktionskapazitäten in Höhe von 1,5 bis 2 Mio. t Ware betroffen sind. Norsk Hydro ist entschlossen, sich entsprechend seines westeuropäischen Marktanteils bei Stickstoffdüngern in Höhe von 20 bis 25 Prozent an dem Abbau von Überkapaziäten zu beteiligen. Noch bis zum Jahresende soll der Beschluss über die Schließungen von Werken vorliegen. Die übrigen Anbieter hüllen sich noch in Schweigen, doch halten sich hartnäckig Gerüchte über geplante Stilllegungen im BASF-Werk in Oostende sowie in Schwedt in Anbetracht der Fusion von Veba und Viag, die sich auf das Kerngeschäft konzentrieren wollen.

Bei allem guten Willen, den einige Produzenten jetzt zeigen: es darf keine Augenwischerei betrieben werden, indem auf der einen Seite vermeintlich Werke abgeschaltet werden, auf der anderen Seite aber durch technischen Fortschritt der Produktionsausstoß in den verbleibenden Anlagen erhöht wird. Nur so ist es zu erklären, warum der Effekt eines ausgeglichenen Marktes nach dem großangelegten Stillegungsprogramm Anfang der neunziger Jahre nur von kurzer Dauer war. Die derzeitige Krise im N-Einzeldüngergeschäft kann auch als Chance gesehen werden, denn es müssen endlich die mengenorientierten Strukturen aufgebrochen werden. Der heutige Markt verlangt innovative und differenzierte Produkte.
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