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H@ndeln

Von Simone v. Heimburg, Frankfurt am Main

Wie eine Nassschneelawnine anschwillt und an Tempo gewinnt, so hat sich das Internet in den vergangenen fünf Jahren von einer Spielerei für Eingeweihte zu einem Aktienbörsen bewegenden Trend entwickelt. Virtuelle Marktplätze entstehen auch für Agrarprodukte.

Per Internet vermittelter Kontraktanbau gehört für Farmer in einigen US-Staaten bereits seit zwei Jahren zum Alltag. Wenig später machten dort Lagerhalter und Verarbeiter ihre Nachfrage nach Ackerfrüchten elektronisch bekannt. Insbesondere bei Saatgut und Agrarchemie wächst derzeit jenseits des Atlantiks die Zahl der Online-Märkte. In Deutschland reicht das Angebot seit neuestem bis zum Haus- und Gartenbedarf. Möglichkeiten für das Geschäft mit Agrarrohstoffen liegen in virtuellen Auktionen, über die Ware zum einen angeboten wird. Zum anderen kann aber auch Nachfrage nach bestimmten Produkten gebündelt werden. Über den Preis wird erst verhandelt, wenn Nachfrager ihre Preisvorstellungen übermitteln. Der Auktionator sucht dann nach Lieferanten, die den Durchschnittspreis der Gebote akzeptieren. Die sich mit dem Internet entwickelnde Marktmacht der Nachfrage zeigt sich hierbei besonders deutlich. Möglich sind aber auch geschlossene Netzwerke, in denen Angebot und Nachfrage zwischen Verarbeitern und Zulieferern ausbalanciert werden.

Der Einkauf per Mausklick erlaubt einen Marktüberblick, der regionale und nationale Grenzen schnell vergessen lässt. Deshalb steht der bislang schrankenlose E-Commerce auch schon auf der Agenda der Wirtschaftsdiplomaten bei der WTO. Einerseits soll die neue Form des nachfrageorientierten, weltweiten Handels nicht gebremst werden. Andererseits fürchten Verbraucherschützer den Verlust von nur national durchsetzbaren Rechten auf Gewährleistung und Garantie. Es gilt als sicher, dass die digitale Wirtschaft in wenigen Jahren einen Teil des traditionellen Handelsgeschäfts ersetzen wird. Die Umsätze im elektronischen Handel wachsen schon jetzt sehr schnell. Wie im vergangenen Jahr werden in Europa auch für die kommenden beiden Jahre Zuwächse um 100 Prozent erwartet. Neben den Verbrauchern werden insbesondere Großhändler und Transportunternehmen zu den Nutznießern der neuen Technologie gezählt. Für sie erhöht das Internet die Effizienz vieler Transaktionen, weil sie leichter und schneller kommunizieren können.

Allerdings: Der Handschlag zum Geschäftsabschluss wird im Mausklick-Tempo zum Schnee von gestern. Dass persönliche Kontakte im Geschäftsleben mit der Verlagerung in den Cyberspace an Bedeutung verlieren, jagt manchem kalte Schauer über den Rücken. Denn Körpersprache und Stimmsignale von Gesprächspartnern bleiben beim E-Commerce hinter Bildschirm und Tastatur verborgen. Wer bislang auf langjährige Beziehungen gebaut hat, darf sich der neuen Entwicklung aber nicht verschließen, sondern muss Vertrauen auch im neuen Medium aufbauen. In Zeiten zunehmend dynamischer Preisgestaltung kann sonst die Konkurrenzfähigkeit schnell dahinschmelzen. Wann der Schneeballeffekt die europäischen Agrarmärkte erreicht, dürfte nur für kurze Zeit eine Frage sein. Für einen abwartenden Winterschlaf dürfte sie nicht mehr reichen.
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