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Lückenbüßer

Von Dagmar Hofnagel, Bad Kreuznach

Zu kaum einer Getreideart werden Veranstaltungen in der Häufigkeit organisiert und wird so viel geredet, wie über die Braugerste. Es werden dabei durchaus wertvolle Informationen ausgetauscht. Auf keiner Veranstaltung fehlt vor allem der Hinweis, wie wichtig die deutsche Braugerste ist und dass die Landwirte dem Anbau unbedingt treu bleiben sollten. Welchen Wert diese Frucht für alle Einkäufer aber tatsächlich hat, wird spätestens beim Verlassen der Veranstaltungen schnell wieder vergessen. Diesem Verhalten wollen die Landwirte jetzt offenbar Reaktionen entgegensetzen.

Die gemeinsamen Versuche von Mälzereien, Handel und Landwirtschaft, im Herbst Erzeugerpreisempfehlungen für die Braugerste und damit unter Umständen einen Anreiz für den Anbau zu geben, sind in den vergangenen Jahren zu politischen Alibi-Handlungen mutiert. Man trifft sich - in der Regel zu spät - um in der Landwirtschaft noch etwas zu bewirken. Selbst wenn keine Entscheidung getroffen wurde ist es in der Regel für die Veranstalter eine Mitteilung wert. Gefasste Beschlüsse hingegen werden häufig als Argument gegenüber den Brauern oder den Erzeugern benutzt. Einige Bauernfunktionäre glauben, durch überzogene Forderungen sich und ihren Landwirten einen Dienst erweisen zu wollen. Oft stellt sich das Bemühen jedoch als Bärendienst heraus. Sind doch einmal interessante Gerstenpreise herausgehalten worden und versucht der Handel zu diesen Konditionen zu verkaufen, ist dies häufig nur schwer möglich. Die Spitzenpreise sind in Spitzenmengen verschwunden und alle Seiten feilschen um den letzten Groschen. Auf Ärgernis beim Handel stößt zudem das Verhalten einiger Mälzereien in Zeiten großer und qualitativ guter Ernten. Hier kommt es nicht selten vor, dass Partien aus unerfindlichen Gründen gestoßen werden oder der Auszahlungspreis gedrückt wird. Häufig stehen zu einem früheren Zeitpunkt zu teuer abgeschlossene Kontrakte hinter dieser Entscheidung, die mit günstigeren Einkäufen oder "Schnäppchen" aus der Ernte heraus ausgeglichen werden müssen. Die leidige Diskussion um die notwendige Spanne des Handels in diesem Geschäft tut ihr Übriges, um das Vertrauen der Handelspartner untereinander zu strapazieren. Als Verursacher für dieses Marktverhalten werden gern die Brauer vorgeschoben, die ohne Zweifel mit ihrem Einkaufsverhalten Druck auf die Marktbeteiligten ausüben. Er rechtfertigt jedoch nicht jede Maßnahme.

In den vergangenen Jahren haben große und gute Ernten neben den erwähnten Praktiken aller Beteiligten das Nervenkostüm und die Kasse der Landwirte zu sehr beansprucht. Wären die Witterungsverhältnisse im vergangenen Herbst günstiger gewesen, hätte die Landwirtschaft bereits in diesem Jahr den Anbau von Braugerste deutlich eingeschränkt. Darauf müssen sich alle Marktbeteiligten nun für das kommende Jahr einstellen. Die Zeichen für den Braugerstenmarkt stehen auf deutlichem Rückzug aus dem Anbau dieser Frucht. Demgegenüber steht jedoch eine bessere Nachfrage nach Malz und Gerste auf den Weltmärkten, die auch aus der EU bedient wird. Wenn in der Vergangenheit kein Handlungsbedarf für eine verlässlichere, weniger spekulative Zusammenarbeit zwischen den Marktbeteiligten bestand, ist dieser Zeitpunkt jetzt möglicherweise gekommen. Dabei gilt nichts unversucht zu lassen, die Brauer mit ins Boot zu nehmen. Die Sommergerste in Deutschland könnte sonst zu einem Lückenbüßer im Anbauplan der Landwirte verkommen, was besonders für die Binnenmälzereien schmerzhaft wäre.
 
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