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Staunen

Von Jan Peters, Hamburg

In Schleswig-Holstein beginnt man sich an einschneidende Strukturreformen im Landhandel zu gewöhnen. Dass jedoch nun eine der größeren Primärgenossenschaften im Lande von einem privaten Wettbewerber übernommen wird, läßt so manchen staunen. Mit großer Mehrheit hat am vergangenen Mittwoch die Vertreterversammlung der Raiffeisenbank Leezen im Kreis Segeberg dem Verkauf des Warengeschäftes mit einem Umsatzvolumen von knapp 40 Mio. DM an die ATR-Gruppe mit Hauptsitz in Ratzeburg zugestimmt, obwohl ein Vorvertrag zur Übernahme mit der HaGe Kiel bestand. Diese Aktion ist ein weiterer Schritt zu größeren Einheiten bei der aufnehmenden Hand. Als Folge der Fusion wird die Zahl der Handelspartner besonders in Mittelholstein um einen bislang sehr leistungsfähigen Wettbewerber zurückgehen. Schmerzlich trifft diese Entscheidung zudem einen anderen privaten Mischfutterhersteller im Raum Itzehoe, der traditionell die Genossenschaft Leezen mit Ware belieferte. Daran ist zu erkennen, dass der direkte Wettbewerb um die Gunst der Kunden noch härter wird, zumal bekannt ist, dass sich die Genossenschaftsseite und der private Landhandel einen wirklich harten Wettbewerb im Tagesgeschäft liefern. Der HaGe Kiel hingegen wird durch die Übernahme nicht viel Umsatz verloren gehen, da Leezen als größere Primärgenossenschaft im Ein- und Verkauf bislang sehr losgelöst von der Kieler Zentrale gehandelt hat. Aus genossenschaftlicher Sicht jedoch werden Marktanteile in einem bedeutenden Stammgebiet abgegeben und das tut sicherlich weh. Für die Genossenschaften bedeutet diese Fusion jedoch eine erneute Herausforderung: Sie sind umsomehr gefordert, dennoch im jetzt abgegebenen Gebiet für einen ausreichenden Wettbewerb zu sorgen. Immerhin sind die anderen großen verbleibenden Primärgenossenschaften stark und zeichnen sich bei hohen Umsätzen durch eine gute Effizienz und Flexibilität aus. Es besteht zur Zeit kein Grund für Veränderungen, da die größeren selbstständigen Genossenschaften Umsätze in dreistelliger Millionenhöhe im Warengeschäft erreichen. Sollten sich die Zeiten jedoch verschlechtern und unruhiger werden, könnte eine völlig andere Wettbewerbssituation in Norddeutschland entstehen.

Ein guter Fang ist das Warengeschäft der Raiba Leezen für ATR sicherlich. Das Unternehmen hat in seinen Stammgebieten eine starke Marktdurchdringung mit einem Marktanteil, der dort bei deutlich über 50 Prozent liegt. Dies ist der Erfolg einer motivierten Mannschaft, die jetzt vollständig von der ATR übernommen wird. Dadurch ist sichergestellt, dass auch in Zukunft das Marktvolumen zumindest gehalten, später sogar ausgebaut werden kann. Zudem liegt das Kerngeschäft der Raiba Leezen günstig zu dem Seehafen Lübeck, wo die ATR-Gruppe vor kurzem gerade große Lagerkapazitäten von der Stadt für mehr als 100 000 t Getreide erworben hat. Westlich des Einzugsgebietes Leezen ist die ATR- Gruppe durch den Erwerb des Landhandels der Fa. Rusch und der Kaisermühle Runge schon stark vertreten, so dass das Absatzgebiet räumlich zusammengefasst werden kann.

Aus Sicht der Landwirte allerdings wird man der Übernahme sicher nicht bedenkenlos zustimmen, da der Wettbewerb wiederum um einen leistungsfähigen Partner kleiner geworden ist. Die Kunden der Raiba Leezen sind für ihre Treue bekannt, die es jetzt gilt, auch weiterhin zu erhalten. Betrachtet man jedoch den massiven Rückzug von Molkereien, Schlachtereien und Zuckerfabriken im Lande, so ist Wachstum für die Zukunft im Landhandel notwendig. Die Übernahme von Leezen durch einen privaten Wettbewerber zeigt, dass in diesem Zusammenhang bisher undenkbare Fusionen künftig durchaus denkbar sind.
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