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Feindbilder

Von Horst Hermannsen, München

Es scheint nur so, als wollte das atemberaubende Jahrhundert der Ökonomie vor seinem Ende kurz innehalten. Aber auch nach dem WTO-Fiasko von Seattle macht die Globalisierung keine Pause. Die Gegner der grenzenlosen Wirtschaft frohlocken zu früh und die Befürworter des Freihandels sehen ohne Grund ihre Felle davon schwimmen. Die Internationalisierung der Wirtschaft ist nicht aufzuhalten. Zu groß sind die Interessen der weltweit tätigen Konzerne. Aber auch die Schwellenländer drängen auf freien Handel, der nur bei offenen Grenzen möglich ist.

Das Chaos von Seattle ist nicht das Ergebnis der WTO-Idee, sondern die Folge einer falsch terminierten, von der Politik schlampig vorbereiteten Konferenz. Politik begeht einen Fehler, wenn sie den fatalen Eindruck zulässt, dass die Gesellschaft der Ökonomie zu dienen habe und nicht umgekehrt die Wirtschaft dem Wohlbefinden der Menschen. An diesem Punkt entzündet sich der Streit zwischen Gegnern und Befürwortern von Welthandelsvereinbarungen. Marktwirtschaftliche Systeme mit sozialen Komponenten führen zu breitem Wohlstand. Andererseits würde ein vollkommen deregulierter, gänzlich entfesselter Markt ohne alle schützenden Barrieren viele durch die Raster eines Systems fallen lassen, bei dem eben doch die Ökonomie und nicht der Mensch im Mittelpunkt steht. Jede ungebremste ökonomische Entwicklung hat die zwanghafte Tendenz, sich alles untertan zu machen: Historisch gewachsene Kultur wird zur billigen Folklore, Grund und Boden in erster Linie zum Produktionsfaktor. Der Mensch, wenn er nicht mithält oder aus der produktiven Effizienz altersbedingt ausscheidet, wird zum Kostenfaktor, der Arbeitsämter und Rentenkassen überfordert. Die Ziele der WTO müssen von der nationalen Politik verständlicher formuliert werden. Der WTO erwachsen erbitterte Gegner, wenn der Eindruck entsteht, sie würde sich auf so entlegene Felder wie Kulturgüter und regionale Werte vorwagen. Für Menschen mit gewachsenen Traditionen ist die amerikanisierte Welt eine grauenhafte Vorstellung.

Handel und Wandel sind zu begrüßen, wenn sie neben Wohlstand auch Eigenheit sichern. Aufgabe der Wirtschaft bleibt es, Nachfrage zu bedienen. Sobald dies zur Bevormundung auf Grund von Machtstellung führt, sind Rückschläge unausweichlich. Die Macht der Konsumenten hat andererseits ungeahnte Ausmaße. Und nicht wenige WTO-Kritiker befürchten, dass mit der Globalisierung diese Macht durch juristische Tricks beschnitten werden könnte. Wer den Ängsten der Menschen nur mit dem Handelsrecht beikommen möchte statt mit Aufklärung, darf sich über Ablehnung nicht wundern. Und doch mag es ein Trost sein, dass am Ende dieses blutigen Jahrhunderts die Fragen des Freihandels in der westlichen Welt nicht den Militärs zur Beantwortung vorgelegt werden, sondern den Krämern. Die Marktschreier des Welthandels sind sympathischer als das Geschreie von Schlachtenlenkern.
 
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