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Aufwerten

Von Axel Mönch, Brüssel

Das Rindersteak, einst Kernstück einer ordentlichen Mahlzeit, ist in die Diskussion geraten. Seinen guten Ruf kann es inzwischen allenfalls noch bei regionaler Herkunft wahren. Ringsherum machen Lebensmittelkrisen den Genuss des Fleisches madig. In England lauert der Rinderwahn. In Belgien bedrohte Dioxin das Steak. Wegen vermuteter Rückstände von Masthormonen trauen die Europäer auch dem Braten aus den USA nicht mehr. Die Glorifizierung der heimischen Ware und die Verteufelung des Fleisches aus der Ferne hat aber in den seltensten Fällen etwas mit einer objektiven gesundheitlichen Bewertung zu tun. Doch wenn sich ein besorgter Verbraucher wirklich einmal bei der Wissenschaft über Risiken informieren möchte, kommt er nicht weit. Gerade in jüngster Zeit häufen sich widersprüchliche Einschätzungen: Das französische Institut für Lebensmittelsicherheit (AFSSA) will ein Infektionsrisiko durch britisches Rindfleisch so lange nicht ausschließen, bis sämtliche Übertragungswege der Seuche genau erkannt sind. Der Wissenschaftliche Lenkungsausschuss der EU-Kommission hält dagegen das Gesundheitsrisiko für vertretbar klein. Der Ausschuss sagt sogar, der Verbraucher sei durch britisches Exportfleisch nicht mehr gefährdet, als durch die französische Ware. Wem soll der verunsicherte Verbraucher glauben?

Die EU-Kommission will dieses Problem angehen. Aus ihren wissenschaftlichen Beratungsgruppen möchte sie eine eigenständige Behörde bilden. Wunder sind von ihr nicht zu erwarten. Die Behörde wird nicht verhindern können, dass Verbrecher Futterfette mit Dioxin verseuchen. Die verstärkten Kontrollen, die so etwas erschweren sollen, gehören nicht zu ihren Aufgaben. Auch ist in Europa ziemlich klar, dass die wissenschaftliche Beratung und die Entscheidung über die Zulassung von gesundheitsrelevanten Substanzen nicht in einer Hand liegen dürfen. Es geht ja gerade darum, die Wissenschaft möglichst frei von den Interessen der Politik und der Industrie zu halten. Nur wenn sie ihre Funktion auf die Beratung beschränkt, wird sich die Behörde Ansehen verschaffen können. Auch bedeutet eine neue Behörde nicht automatisch ein Mehr an bürokratischem Ballast. Im Vergleich zu den heutigen Ausschüssen wird sie selbstständiger arbeiten können. Durch regelmäßige und institutionalisierte Zusammenarbeit mit nationalen Forschungseinrichtungen lassen sich unterschiedliche Einschätzungen möglicherweise besser in Einklang bringen.

Die EU-Mitgliedstaaten haben alle Macht, um aus der Idee der Kommission eine Totgeburt zu machen. Schon gehören zur Front der Ablehnenden jene, die eine weitere Zentralgewalt aus Brüssel fürchten. Sie schließt aber auch jene ein, die die neue Behörde wegen der fehlenden Gesetzgebungskompetenz für zu schwach halten. Vollends könnte das Ansehen der Behörde schon im Vorfeld zerrieben werden, wenn sich die Mitgliedstaaten endlos über den Ort für ihre Einrichtung streiten. Es wäre schade, wenn der Versuch der Wissenschaft, der Politikberatung zu mehr Gewicht verhelfen, gar nicht erst gestartet würde. Nicht zuletzt für die kommenden WTO-Verhandlungen ist ein geschlossenes Auftreten der Europäer in punkto Wissenschaft unabdingbar. Schließlich will gerade die EU die besonderen Empfindlichkeiten ihrer Verbraucher in den internationalen Handelsregeln berücksichtigt wissen.
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