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Risiko

Von Dagmar Rees, Frankfurt am Main

An die Börse sollte man nur mit Spielgeld gehen, raten alle seriösen Finanzberater. Ein Verlust oder das Nichterreichen des gesetzten Ziels darf die eigene Existenz nicht gefährden. Wohl dem, der die Wahl hat, ob er sich an einer Börse engagieren will. Die Milchbauern können ab 1. April 2000 nicht mehr wählen. Pacht- und Leasingverträge dürfen dann nicht mehr abgeschlossen werden. Der Kauf und Verkauf von Milchquoten über eine Börse wird obligatorisch. Für denjenigen, der zusätzliche Milchquoten unbedingt braucht, um seinen Betrieb auszubauen, Förderkriterien zu erfüllen oder auslaufende Pachtverträge zu ersetzen, sind sie kein Spielgeld. Folgerichtig wird daher versucht zu sichern, was zu sichern ist.

Auf den ersten Blick ist der überaus rege Handel mit Milchquoten, der in den Regionen registriert wird, kurz vor Börseneinführung nicht plausibel. Denn schließlich hätten alle interessierten Käufer mit der Börse eventuell eine Chance, ihre Milchquote günstiger als bisher einzukaufen. Doch verschiedene Faktoren treiben die Käufer zu einem Abschluss noch vor dem 1. April. Die erste Börsenveranstaltung findet nicht im April, sondern im Oktober statt, ein halbes Jahr nach Beginn des Milchwirtschaftsjahres. Ebenso wenig gibt es eine Garantie dafür, dass das Angebot ausreichen wird, um die Nachfrage zu decken. Auch gibt es keine Garantie dafür, dass der Quotenpreis wirklich sinkt.

In der Ungewissheit, wie sich Angebot, Nachfrage und Preis an der dreimal jährlichen Börse entwickeln werden, treffen sich die Käufer mit dringendem Bedarf an Milchreferenzmengen mit den Verkäufern. Ihr Interesse, jetzt noch abzuschließen, ist groß. Zwar gilt auch hier, dass nicht eindeutig voraussagbar ist, wie sich die Börsenpreise entwickeln werden. Doch schließlich wurde dieses Instrument mit der Absicht geschaffen, die Preise nach unten zu führen. Dänische Erfahrungen zeigen, dass eine Preissenkung eher wahrscheinlich ist als ein Preisanstieg. Zusätzlich kommt für die Verkäufer ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu, der nichts mit der Börse zu tun hat. Sollte die Milchkontingentierung wie geplant 2008 abgeschafft werden, verliert die Milchquote jährlich an Wert. Bleibt sie jedoch bestehen, haben die Käufer ein echtes Schnäppchen gemacht. Schließlich berechnet sich der Kaufpreis auf der Basis von acht Jahren Laufzeit. Doch auch all jene, die statt zu kaufen jetzt noch schnell Pachtverträge abschließen, haben ihre Gründe. Ein wesentlicher ist sicher die Finanzierung. Die Pachtrate kann jährlich erwirtschaftet, die Kaufsumme muss vorfinanziert werden. Ob der Zinsaufwand durch einen entsprechend geringeren Quotenpreis ausgeglichen wird, ist fraglich. Auch ziehen viele Abgeber von Milchmengen die Verpachtung vor, da sie beim Verkauf die Einnahmen als aufgedeckte stille Reserven vollständig versteuern müssen und entsprechend in der Steuerprogression erheblich nach oben wandern. Und schließlich: wenn dann die Milchquotierung doch nicht abgeschafft werden sollte, können sie weiter über die Verpachtung oder auch einen Verkauf ein Einkommen erwirtschaften.

Die neue Gesetzgebung soll den Milchviehbetrieben, die weiter wirtschaften wollen, bessere Rahmenbedingungen über niedrigere Quotenpreise bieten. Doch ist bisher eher das Gegenteil eingetreten. Mit den neuen Möglichkeiten, existenzgefährdende Fehler zu machen, sind die Sorgen größer geworden. Denn die Zahl jener Betriebe, für die das Pokern um Milchreferenzmengen ein wirkliches Spiel sein kann, ist leider noch sehr klein.
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