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Ungerecht

Von Olaf Schultz, Frankfurt a.M.

Eine Nische im Ackerbau, die zur Auflockerung der Fruchtfolgen gleichermaßen beiträgt wie neue Märkte für Agrarrohstoffe erschließt, ist jetzt bedroht. Der Hanfanbau in Deutschland könnte nach drei Jahren kontinuierlichen Flächenzuwachses in dieser Saison erstmals wieder rückläufig sein. Bestenfalls dürfte er bei bundesweit etwa 4 000 ha auf Vorjahresniveau stagnieren. Für die kommenden Jahre sieht es noch düsterer aus. So spiegeln die Anbaupläne für Hanf in diesem Frühjahr Verunsicherung und Frust bei den Landwirten wider. Auslöser sind Vorschläge der EU-Kommission zur Reform der gemeinsamen Marktordnung für Hanf und Flachs vom November vergangenen Jahres. Sie will Prämienjägern den Boden entziehen, die allein auf Grund der zweifelsohne sehr lukrativen Prämie für Hanf und Flachs in den Anbau einsteigen. Explodierte Haushaltsaufwendungen von schätzungsweise 70 Mio. Euro im Jahr 1995 auf 158 Mio. Euro in der vergangenen Saison, für die vor allem Spanien verantwortlich sein soll, geben der Kommission Recht. Dass dafür aber alle den Kopf hinhalten müssen, die den Anbau bisher markt- und marktordnungskonform entwickelt haben, ist ungerecht.

In den kommenden Wochen sind die Kommissionspläne Verhandlungsgegenstand in Brüssel. Im Kern sehen sie vor, die Flächenbeihilfe für Hanf von zuletzt 1 296 DM/ha bereits zur diesjährigen Ernte auf das Niveau der Flächenprämie für Öllein herabzusetzen. Im Bundesdurchschnitt wären das 967 DM/ha. Nach den in den Beschlüssen zur Agenda 2000 festgelegten weiteren Abbauschritten würde ab der Ernte 2002 für Hanf schließlich die gleiche Flächenprämie wie für Getreide gezahlt - durchschnittlich 690 DM/ha in Deutschland. Die Erstverarbeiter von Hanf sollen ab dieser Saison in den Genuss einer Verarbeitungsbeihilfe von 40 Euro/t Faser kommen, die zur Ernte 2004 letztmalig gewährt wird. Schließlich wird jedem EU-Mitgliedstaat in diesem Zeitraum indirekt eine prämienberechtigte Höchstfläche für Hanf und Flachs zugewiesen, indem die Kommission nationale Mengenkontingente vorgibt.

Einem Missbrauch der Hanfprämie kann sicher auch anders begegnet werden. Beispielsweise bieten die seit dem Frühjahr 1999 geforderten Verträge zwischen Landwirten und erstem Verarbeiter - wie schon bei Flachs - den jeweiligen Behörden bei konsequenter Umsetzung eine gute Basis, den subventionierten Anbau von Hanf im Auge zu behalten. Mit der Kürzung der Flächenbeihilfe auf das geplante Niveau ist jedoch niemandem geholfen. Die Landwirte in Deutschland würden sicher wieder aus dem Hanfanbau aussteigen, wie es erste Indizien in diesem Frühjahr andeuten. Die Konkurrenzfähigkeit von Hanf steht und fällt hierzulande nun einmal mit der Beihilfe, da die Erlöse aus dem Hanfstrohverkauf selbst bei guter Ertragsleistung die Kosten im Anbau und in der Ernte zumindest gegenwärtig noch nicht decken. Brüssel dürfte eigentlich nicht daran interessiert sein, dem Hanfanbau einen K. O.-Schlag zu versetzen. Die Landwirte wären auf den ohnehin engen Agrarmärkten um eine entwicklungsfähige Nische ärmer.
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