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Chaotisch

Von Jörg Foshag, Paris

Unerfreulich war die Atmosphäre beim diesjährigen Pariser Agrarsalon, einer der Grünen Woche in Berlin vergleichbaren Landwirtschafts- und Verbrauchermesse. Noch war der Schrecken über immer neue Funde von BSE-Rindern und fragwürdige Ausgangsmaterialien bei der Fabrikation von Tiermehlen nicht überwunden, da hat eine Listeriose-Epidemie erneut Ängste ausgelöst. Angesichts von 26 Listerioseopfern und sieben Toten haben sich die Medien mit Macht auf das Thema gestürzt. Die Konsumenten, durch eine chaotische Informationspolitik zusätzlich verunsichert, wissen nicht mehr, was sie kaufen sollen. Der Absatz von Fleisch- und Wurstwaren ist eingebrochen. Die Molkereiindustrie, ebenfalls der Listeriose-Gefahr verdächtigt, erlebt starke Kaufzurückhaltung bei den Rohmilchprodukten. Die landwirtschaftlichen Erzeuger sehen sich als Sündenbock.

So war es kein Wunder, dass Regierungsvertreter auf dem Agrarsalon gegenüber den Erzeugern einen schweren Stand hatten. Die für Verbraucherfragen zuständige Staatssekretärin, Marylise Lebranchu, musste ein wahres Trommelfeuer von Attacken über sich ergehen lassen. "Sie sind dabei, uns umzubringen", schleuderte ihr der Leiter eines großen Käseherstellers ins Gesicht. Und er drückte damit ein in der Käsebranche verbreitetes Urteil aus. Letztlich wird die Schuld auf der Landwirtschaft abgeladen, kam das Echo von Seiten der Bauern. Keine Frage, die ohne Zweifel sehr schwierige Situation ist von der Regierung nicht gerade souverän gemeistert worden. Während die Wissenschaftler verzweifelt und bisher erfolglos nach der Quelle der Listeriose-Epidemie suchen, reagierte die Regierung eher mit schrillem Stimmengewirr. Die Erklärungen waren widersprüchlich und wurden teilweise am selben Tag wieder korrigiert. Mal war die Krankheitswelle am Abschwellen, dann wurden neue Fälle nicht ausgeschlossen. Für einen Augenblick glaubten Regierungsverantwortliche die Ursache bei einem bestimmten Produkt wie Schweinezungen in Gelee ansiedeln zu können. Zuletzt wurden Zweifel laut, dass die Quelle überhaupt gefunden werden könne.

Die betroffenen Ministerien zeigen sich überfordert. Die Erzeuger machen es sich aber zu einfach, wenn sie den wirtschaftlichen Schaden der Epidemie einfach der Pressepolitik und den Medien zuschoben. Denn die Veröffentlichung derartiger Fälle kann und darf nicht unterdrückt werden. Wahr ist aber auch, dass die Ansprüche der Verbraucher heute rasant steigen. So hat zwar die Gefahr der Listeriose-Erkrankung in den vergangenen Jahren laut Aussagen von glaubwürdigen Wissenschaftlern stetig abgenommen. Der Sicherheitsanspruch der Verbraucher ist jedoch viel größer geworden. Dem muss mit verschärften Regeln Rechnung getragen werden. Die Pariser Regierung will diesen Weg gehen. Grund zum generellen Pessimismus haben die landwirtschaftlichen Erzeuger nicht. Auch dies hat der Pariser Agrarsalon gezeigt. Die Techniken für eine gesunde Qualitätsproduktion nehmen zu. Und das Image der Landwirte ist immer noch intakt. 92 Prozent der Franzosen haben eine gute Meinung von der Landwirtschaft, wie eine neue Umfrage zeigte.


 
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