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Krönung

Von Horst Hermannsen, München

Wolfgang Deml, einflussreicher Chef der Baywa AG, tat gut daran, seinen Schützling Manfred Nüssel zum nebenamtlichen Präsidenten des Deutschen Raiffeisenverbandes küren zu lassen. Nüssel ist der rechte Mann am richtigen Platz. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass ein nebenamtlicher Raiffeisenpräsident zwar mit den üblichen Insignien von Macht und Verantwortung in reichem Maße ausgestattet wird, tatsächlich jedoch kann er bestenfalls empfehlen und repräsentieren.

Für Nüssel ist das neue Amt die Krönung einer nicht ganz zielgerichteten Karriere. Endlich kann er sich, nach außen sichtbar, aus dem Schatten seines Vaters, dem langjährigen Staatssekretär und Minister im bayerischen Landwirtschaftsministerium, lösen. Die "Staatsämter" des Vaters sowie dessen Posten und Einflüsse in der bayerischen Genossenschaftsorganisation haben dem Sohn Türen geöffnet. So konnte Sohn Manfred zum Beispiel das Amt des oberfränkischen Genossenschaftspräsidenten gewissermaßen im Erbgang vom Vater übernehmen. Aber warum auch nicht. Er hat dieses Amt, wie viele, ausgefüllt. Und es sollte niemandem ein Nachteil daraus entstehen, das andere Familienmitglieder politisch erfolgreich waren. Nicht immer geglückt war sein Verlangen, in möglichst vielen landwirtschaftlichen Vereinen und genossenschaftlichen Einrichtungen mitzuspielen. Eine Häufung solcher Pöstchen bringt wenig Renommee und weckt Vorbehalte. Zu seinem großen Ziel gehörte das Amt des Senatspräsidenten in Bayern. Aber daraus wurde nichts, denn der Senat, ein überholtes Instrument der Ständefinanzierung, wurde als Folge von Untätigkeit seiner Mitglieder per Volksentscheid abgeschafft.

Manfred Nüssel wird wohl noch den Vorsitz des Aufsichtsrates der Baywa übernehmen dürfen. Auch dafür sorgt Wolfgang Deml. Es schmückt offensichtlich den internationaler werdenden Konzern, die Repräsentationsfigur des Deutschen Raiffeisenverbandes an der Spitze ihres Aufsichtsrates zu haben. Bislang beschied sich die "Grüne AG" mit Vertretern aus der bayerischen Organisation. Noch ist der ehemalige Präsident des Bayerischen Genossenschaftsverbandes, Willibald Folz, Vorsitzender des Aufsichtsrates. Sein Nachfolger im Amt des Präsidenten, Wilhelm Frankenberger - ein exzellenter Prüfer - wird zwar in den Aufsichtsrat der Baywa kommen, der Vorsitz steht für ihn jedoch nicht zur Diskussion.

Der Aufsichtsrat einer AG hat keinen entscheidenden Einfluss auf die Geschäftsführung. Nüssel wird deshalb auch dieses Amt in gewohnter Form bewältigen. Taktisch klug ist es dennoch nicht, weil verdeckte Steuerungsmechanismen offensichtlich werden. Es geht der Anschein von Distanz, ja Neutralität verloren. Nüssel ist längst Aufsichtsratvorsitzender der Bayerischen Raiffeisen-Beteiligungs AG. Es schließt sich der Kreis, denn diese Gesellschaft hält 37 Prozent des Aktienkapitals der Baywa. Es ist gut, dass Anregungen, die zum Aufbrechen verkrusteter, überholter Denkmuster beitragen, über den Transmissionsriemen Nüssel in die Raiffeisenorganisation gebracht werden. Ein Baywa-Aufsichtsratvorsitzender Nüssel verliert indes an Glaubwürdigkeit.
 
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