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Populismus

Von Axel Mönch, Brüssel

Zugegeben, auch 16 Jahre nach dem ersten Ausbruch des Rinderwahns in Großbritannien bleibt Vieles im unklaren. In Dänemark ist kürzlich eine einheimische Kuh an BSE erkrankt, die eigentlich gar kein kontaminiertes Tiermehl gefressen haben dürfte. Seitdem werden wieder Zweifel lauter, ob Futtermittel wirklich die einzige Übertragungsmöglichkeit für BSE darstellen. Die anhaltende Unsicherheit ist aber noch lange kein Grund für überzogene Reaktionen. Die EU-Kommission dürfte über das Ziel hinausschießen mit ihrer Überlegung, sämtliche verendete Tiere, egal ob Rind, Schwein oder Huhn von der Futtermittelkette auszuschließen.

Noch ist nichts entschieden. Aber gerade deshalb sei die Kommission vor Maßnahmen gewarnt, die mehr durch ihren Populismus als durch sachliche Argumente bestechen. Eine Abstufung des BSE-Risikos zwischen Rindern, die zum menschlichen Verzehr freigegeben wurden und Rindern, die wegen Knochen oder Eutererkrankungen notgeschlachtet werden müssen, fällt schon schwer. Einem verendeten Schwein, das bisher nur unter künstlichen Bedingungen im Versuchslabor mit dem Rinderwahn infiziert werden konnte, ein BSE-Risiko nachzusagen, übersteigt dagegen jegliches noch so ernst genommenes Vorsorgeprinzip. Sicher ist, dass die Kadaver bei 133 Grad Celsius unter Druck sterilisiert werden, bevor man sie als Tiermehl verfüttert. Vom kurz gebratenen Rindersteak bis zum ausgekochten Suppenknochen ist die Aufbereitung in der Küche dagegen bei weitem nicht so sicher, was mögliche BSE-Erreger angeht.

Wenn die Kommission also Überlegungen in einem Bereich minimaler Restrisiken anstellt, sollte sie an Notschlachtungen und an freigegebenes Fleisch nicht zwei völlig unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Auf den Höfen verendete Tiere werden in Deutschland seit Jahrzehnten eingesammelt und zu Tiermehlen verarbeitet. Dadurch sollen nicht nur wertvolle Proteine wieder verwendet werden. Es gibt auch einen seuchenhygienischen Aspekt. Die kostenlose oder kostengünstige Abholung verhindert, dass die Tiere heimlich vergraben werden. Wenn die Kommission nun ans Kompostieren denkt oder von der Verwertung in Biogasanlagen spricht, wäre dies für die Seuchenhygiene ein Rückschritt, mal ganz abgesehen von den hohen Kosten dieser Alternativen.

Bevor die Kommission zum großen populistischen Wurf für scheinheilige Saubermänner ausholt, sollte man sich um andere Dinge kümmern. So ist bisher zwar bekannt, dass 95 Prozent des Infektionsrisikos in Gehirnen und Rückenmark von Rindern liegen. Wird aber im Schlachthof die Säge an die Wirbelsäule angelegt, kann diese weiterhin das Rückenmark berühren und auf dem Fleisch zu Schmierinfektionen führen. Auch ist noch nicht sicher gestellt, dass das Gehirn überall mit der erforderlichen Temperatur drucksterilisiert wird. Hier hat gerade Deutschland Schwierigkeiten, sich umzustellen. Zusammen mit dem Schädelknochen wurde bisher das Rinderhirn in Spezialbetrieben zu Fleischknochenmehl verarbeitet. Dieses muss aber erst ab dem 1. Juli 2000 so nachhaltig wie das Tiermehl aufbereitet werden. Der sichere Umgang mit den infektionsträchtigen Geweben wird den Verbraucher besser vor dem vermuteten Restrisiko schützen können als ein Verbot der Kadaververfütterung.


 
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