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Zwei Seiten

Von Jan Peters, Hamburg

Die Schwäche des Euros führt bei fast allen wichtigen Agrarerzeugnissen zu heftigen Veränderungen der Preise. Wer derzeit Ware aus dem Euro-Raum verkaufen will, hat es leicht, denn er kann diese gegenüber Ware aus dem Dollar-Raum günstig anbieten. Wer jedoch Agrargüter in die EU einführen will, musste in den vergangenen Wochen erheblich mehr Geld für die Ware bezahlen. Des einen Freud - des anderen Leid.

Die Exporteure von europäischem Getreide nutzen den festen Kursverlauf des Dollars, um große Mengen Gerste und Weizen in Länder, deren Währungen an den Dollar gekoppelt sind, zu vermarkten. Als Folge davon laufen die Verschiffungen auf Hochtouren. Wegen der umfangreichen Exporte ist Weizen in der EU schon fast zu einem knappen Gut geworden - sogar Binnenmarktausschreibungen sind in diesen Tagen kein Tabu mehr. Vom hohen Dollarkurs profitieren auch die Vermarkter von Rapssaaten. An den hiesigen Märkten sind seit geraumer Zeit feste Tendenzen zu beobachten. Auf dem europäischen Binnenmarkt gewinnt der Raps an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber importierten Ölsaaten und auch auf dem Exportmarkt stieg seine Konkurrenzfähigkeit. Als Folge davon konnten Rapssaaten und Raps-öl in größeren Mengen in Drittländer verkauft werden.

Jede Seite hat auch ihre Kehrseite: Verlierer des schwachen Euros sind vor allem die Unternehmen, die Rohstoffe im Dollar-Raum einkaufen müssen. Hier sind insbesondere die Mischfutterhersteller und die Tierhalter zu nennen. Der feste Kursverlauf des Dollars hat schon zu deutlich höheren Importpreisen für die wichtige Ölschrote geführt. Dies ist am Beispiel von Sojaschrot besonders gut zu erkennen: Argentinische Ware wird zwar bereits seit drei Monaten praktisch unverändert zu Preisen von etwa 183 US-§/t cif Rotterdam angeboten. Die DM-Preise haben sich jedoch in diesem Zeitraum um fast 5 auf 42 DM/dt erhöht. Diese Preisentwicklung zwingt die Futtermittelindustrie bei deren ohnehin geringen Margen, die höheren Einstandskosten direkt an die Landwirte weiterzugeben.

Die Stärke der amerikanischen Währung schlägt damit in der Kette vom importierten Futtermittel bis zu den Endprodukten Fleisch, Eier oder Milch durch. Wegen der Marktsättigung an diesen Produkten wird es jedoch schwer, notwendige Preiserhöhungen bei den Lebensmittelketten durchzusetzen. In dieser Zwangslage, in die Mischfutterindustrie und Landwirte hinein geraten sind, drohen beiden Seiten erhebliche Gewinn- und Einkommensverluste, für deren Ursachen sie im Grunde nicht verantwortlich sind und deren Entwicklung sie nicht beeinflussen können. Starke Kursausschläge von Währungen haben auch schon in früheren Jahren so manche Unternehmen in unruhige Fahrwasser gebracht.
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