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Höchste Zeit

Von Dr. Angela Werner, Frankfurt a.M.

Mit GVO versehentlich verunreinigtes Saatgut, das aus Kanada nach Europa importiert und unwissentlich ausgesät worden ist, hat in den vergangenen Wochen die Gemüter erhitzt. Umweltschutzorganisationen sprachen von einem Skandal, weil GVOs einfach so und unkontrolliert ihren Weg in die EU fanden und nicht als solche gekennzeichnet waren. Für die Züchter bedeutet dieser Fund einen herben Imageschaden. Die Saatgutkontrollen auf internationaler Ebene sind zwar schon sehr weitgehend. Wie allerdings mit GV-Verunreinigungen umgegangen werden soll, ist nur unzureichend gesetzlich geregelt. Denn einen Grenzwert gibt es derzeit nur für Lebensmittel, nicht aber für Saatgut.

Die Kontrollbehörden stehen vor einem Dilemma. Nach dem Saatgutverkehrsgesetz ist der Saatgutimport völlig in Ordnung. Ein gewisser Prozentsatz an Fremdbesatz ist erlaubt, wobei nicht ausdrücklich zwischen GVO und Nicht-GVO unterschieden wird. In Rapssaatgut dürfen 0,3 Prozent andere Sorten derselben Art enthalten sein. In Deutschland lag der festgestellte Prozentsatz der Verunreinigung bei lediglich 0,03 Prozent. Nach dem Gentechnikgesetz hingegen dürfte dieses Saatgut nicht in Verkehr gebracht werden, weil es nicht zugelassen ist. Da es keinen Grenzwert für GVO gibt, liegt die Entscheidung, was in einem solchen Fall getan werden soll, im Ermessen der zuständigen Landesbehörde. Sowohl das Umweltministerium in Baden-Württemberg als auch das britische Landwirtschaftsministerium sahen keine Notwendigkeit, die Felder zu umbrechen. Dies sei unverhältnismäßig, da weder Gesundheits- noch Umweltschäden zu erwarten seien. Anders entschieden haben dagegen die zuständigen Behörden in Frankreich und Schweden. Eine solch unterschiedliche Vorgehensweise innerhalb der EU nutzt niemandem. Nicht nur für GVO-Bestandteile in Lebensmitteln sollte es einen einheitlichen Grenzwert und Kennzeichnungsvorschriften geben; auch Saatgut sollte miteinbezogen werden.

Der Anbau von GV-Pflanzen ist vor allem in Amerika inzwischen weit verbreitet. Angesichts globaler Handelsströme - auch bei Saatgut - sind unbeabsichtigte Verunreinigungen kaum mehr auszuschließen. Ob auf lange Sicht der Anspruch "100-Prozent GV-frei" überhaupt eingehalten werden kann, ist fraglich, um so mehr sind klare gesetzliche Vorgaben und Grenzwerte notwendig. Sicherlich wird es weder einfach sein, sich auf entsprechende Standards in der EU zu einigen, noch gezielte Kontrollen mit Blick auf GVO auf dem internationalen Handelsparkett durchzusetzen. Denn der durch das verunreinigte Saatgut ausgelöste Wirbel in Europa stößt beispielsweise in Kanada, wo GV-Raps für den Anbau und Verzehr zugelassen ist, auf völliges Unverständnis. Die Importpolitik der EU, die 1 Prozent GVO in Lebensmitteln toleriert aber Null Prozent in Saatgut, sei ein Widerspruch in sich selbst, sagen die Kanadier.

Tief ist die Kluft zwischen Amerika und Europa in Bezug auf den Umgang mit GVO. Doch die Europäische Union steht nicht alleine da. Auch andere Länder wie Japan setzen sich für weltweite Regularien im Umgang mit GVO ein. Eines ist aber unabdingbar: Die EU muss geschlossen und schnell handeln und darüber hinaus im Sinne des Verbraucherschutzes und des Vorsorgeprinzips auch einen niedrigen Grenzwert festlegen. Nur dann ist sie auch glaubwürdig.
 
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