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Spieler

Von Horst Hermannsen, München

Vor der Getreideernte fällt die Sprachlosigkeit des Handels auf, wenn es um die künftigen Erzeugerpreise geht. Wer macht den Landwirten klar, was bei Überschussgetreide die Absenkung der administrativen Preise bedeutet? Die Intervention könne nicht mehr Maßstab sein, heißt es auch in der Landwirtschaft. Recht so! Dann bleiben aber nur die Marktverhältnisse als Orientierung, und die sind mit Risiken belastet. Der Blick auf den Weltmarkt vermittelte vor wenigen Wochen mehr Zuversicht als dies gegenwärtig der Fall ist. Befindet sich der bislang vor Kraft strotzende US-Dollar im Abschwung oder hat er nur eine Verschnaufpause eingelegt? Fragen, die gegenwärtig seriös niemand zu beantworten vermag.

Die Vorstellungen der Mischfutterindustrie liegen für Wintergerste, Lieferung August/September, bei etwa 20,- DM/dt franko. Große Geschäfte kamen bislang noch nicht zustande. Und überhaupt werden die Mischfutterwerke die Logistikprobleme unmittelbar nach der Ernte nicht lösen können. Bleibt also doch nur die Intervention als Rettungsanker. Dort gibt es - Basis November - frei Interventionsort etwa 21,75 DM/dt. Es bedarf keiner großen Rechenkünste, um einen Erzeugerpreis um die 17,- DM/dt netto zu kalkulieren. Beim Roggen sieht es nicht besser aus und Backweizen könnte 1,- DM darüber liegen. "Dieses Preisniveau ist den Landwirten nicht zuzumuten", heißt es in Handelskreisen. Dabei wird übersehen, dass die bäuerlichen Einkommen weniger von den Markt-erlösen bestimmt werden, als vielmehr von den staatlichen Prämienzahlungen. Der Handel indes hat nur den Markt und bisher noch die fragwürdigen staatlichen Garantien. Für ihn gibt es weder Ausgleichszahlungen für rückläufige Umsätze und Roherträge noch Prämien für die Erhaltung irgendwelcher Kulturen. Die Agrarwirtschaft ist zu schwach, um politisch gewollte Preissenkungen zu verhindern oder gar auszugleichen. Die Lage von heute ist nicht zu vergleichen mit den höchst bequemen Verhältnissen früherer Jahre. Vor der EU-Agrarreform bedurfte es keiner Händler mit marktwirtschaftlichem Geschick. Gefragt waren Zuteiler, die alles, was sie nicht im Markt mit Aufschlägen unterbrachten, dem Staat aufs Auge drückten. Wenn seinerzeit Lagerhalter Pleite gingen, so waren die Ursachen Selbstüberschätzung und Größenwahn, keinesfalls aber unvorhersehbare Marktschwankungen. Heute ist das anders. Wer jetzt, wie dies in den trockengeschädigten Regionen Ostdeutschlands geschieht, den Landwirten für Gerste 18,50 oder gar 19,- DM/dt bezahlt, um sie später der BLE anzudienen, ist ein Spieler, der darauf baut, dass ihm die Ware lange im Lager bleibt. Ein Risiko für Hasardeure. Der Staat wird weiterhin die Möglichkeiten nutzen, sich von seinen teuren Vorräten zu trennen.

Angesichts der Unwägbarkeiten wäre der Handel gut beraten, zusammen mit den Landwirten über Abschlagszahlungen nachzudenken. Weitsichtige Erzeuger und ihre Funktionäre haben erkannt, welche Gefahren auf ihre Marktpartner zukommen. Am Markt können sich nur Unternehmen halten, die Geld verdienen. Umsatz um jeden Preis aber beschleunigt ihr Ende.
 
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