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Wann?

Von Hermann Steffen, Bonn

Die Verschiebung der als sicher geglaubten Fusion zwischen der RHG Hannover und der RCG Münster "fünf Minuten vor Zwölf" zunächst um ein Jahr hat überrascht. Kartellrechtliche Bedenken gab es nicht, die Verschmelzung befand sich im weit fortgeschrittenen Stadium, so dass die Zustimmung durch die jeweilige General- und Hauptversammlung obligatorisch schien. Dass sich Münster erst einmal quer gelegt hat und Hannover die Entscheidung akzeptierte, hat mehrere, zum Teil sehr komplexe Gründe.

Zum einen lassen sich bei der Verschmelzung einer Genossenschaft mit einer Aktiengesellschaft nicht einfach Aktiva und Passiva zusammenrechnen. Grundlage muss ein Bewertungsgutachten für beide Unternehmen sein, das auf den basierenden Bilanzen für die kommenden Jahre - in diesem Fall bis ins Jahr 2002 - Planzahlen fortschreibt. Wenn in den ersten vier Monaten diesen Jahres eine Seite die Vorgaben durch unvorsehbare Umstände nicht erreicht hat, muss dies auf der anderen Seite zwangsläufig zu Irritationen führen. Bei der vorgegebenen Sorgfaltspflicht gegenüber den eigenen Mitgliedern blieb der RCG kaum etwas anderes übrig, als auf eine Neubewertung beider Unternehmen zu drängen und die Fusion zu verschieben. Doch es stellt sich die Frage, ob nicht zu früh geblockt wurde, denn die RHG peilt nach den ersten fünf Monaten durch Verschiebungen der Umsätze nach hinten ihr Plansoll an und zeigt sich optimistisch, an das Vorjahresergebnis anzuschließen. Wenn sich beide Seiten in den nächsten Tagen wieder zusammensetzen, muss sich zeigen, ob das Vertrauensverhältnis nicht gelitten hat.

Durch eine Neubewertung könnte sich die bisher vorgesehene Aufteilung des Aktienpaketes von 52 zu 48 zwischen RHG und RCG zu Gunsten der RCG verschieben. Ein Prozentpunkt mehr oder weniger entspricht immerhin einem Aktienkapital von rund 2,2 Mio. DM. Hinweise aus Hannover, dass die Verschmelzung noch in diesem Jahr möglich sein könnte, bleiben Theorie. Die Fristen für eine außerordentliche Hauptversammlung der Hannoveraner sind nach dem Aktienrecht bis Ende August kaum einzuhalten. Einwände, dass durch einen späteren Zeitpunkt des Zusammengehens 30 bis 40 Mio. DM an Synergieeffekten verschenkt würden, lassen sich in dieser Form kaum halten. Durch jahrelange Kooperation greifen die gemeinsamen Aktivitäten der beiden Zentralen weit ineinander. Allein durch konsequente Kooperation könnten sich ohnehin 10 Mio. DM Kostenersparnis ergeben. Es darf auch nicht übersehen werden, dass im Zuge der Fusion das gesamte warenwirtschaftliche System beider Häuser neu konzipiert werden muss, was zusätzliche Investitionen erforderlich macht. Die Verschiebung bietet also wenig Grund zur Dramatisierung. Aufkommende Kritik wird sich somit höchstens an dem zu eng gesetzten Zeitplan entzünden können.

Dass die Verschmelzung kommt, lässt sich absehen, doch die Frage nach dem "Wann" steht im Raum. Bis dahin binden die Vorbereitungen für eine Fusion Kräfte, die im operativen Geschäft eigentlich benötigt werden. Ganz zu schweigen von den Herausforderungen, die durch Globalisierung und Internationalisierung entstehen. Ihnen kann sich ein Unternehmen mit gebündeltem Umsatzvolumen von rund 5 Mrd. DM offensiver stellen. Eine weitere Vertagung würde zwangsläufig Imageverluste im Markt nach sich ziehen.
 
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