1

Kleinkorn

Von Gisela Haas, Berlin

Die Getreideernte 2000 hat in Deutschland zwar erst regional begonnen und ist im Wesentlichen noch auf die Wintergerste beschränkt. Dennoch haben die bisherigen Druschergebnisse erste Hinweise geliefert, mit welchen qualitativen Besonderheiten in diesem Jahr gerechnet werden muss. Unter den ungünstigen wird an erster Stelle der häufig sehr hohe Anteil an Kleinkorn zu nennen sein. Dieser bedeutet ein Ärgernis für alle Verwertungsrichtungen der Gerste, besonders jedoch für die Intervention und die Vermehrung. Um das Getreide in der staatlichen Lagerhaltung unterbringen zu können, dürften viele Partien bis an die Grenze der Wirtschaftlichkeit gereinigt werden müssen. Bei der Vermehrung wird der betriebene Aufwand in Abhängigkeit von den Sorten oder deren Absatzchancen unterschiedlich ausfallen. Ausbeuten von lediglich 60 bis 70 Prozent marktfähiges Vermehrungsgetreide haben in Brandenburg aufgeschreckt. Es wird in diesem Wirtschaftsjahr 2000/01 sicher viel Sortiergetreide geben, welches das Angebot an "normalem" Futtergetreide spürbar erhöhen dürfte. Deshalb ist die verbreitete Forderung des Handels nach einer aktiven Exportpolitik für Futtergetreide aus dem Markt verständlich.

Bei den Lagerhaltern in Ostdeutschland steigt die Sorge, dass es in diesem Jahr schwierig - und teuer - werden könnte, die umfangreichen und derzeit häufig leer stehenden Lagerkapazitäten in der neuen Kampagne zu füllen. Schon die leichte Befestigung der Gerstenpreise in den vergangenen Tagen scheint vor allem von der Nachfrage der Lagerhalter ausgegangen zu sein, die zunehmend sorgenvoll auf die späteren Getreidearten schauen. Es ist nämlich zu befürchten, dass Roggen und Weizen von der Vorsommertrockenheit noch deutlicher geschädigt worden sind als die frühere Gerste. Deshalb werden für passende Qualitäten schon jetzt Spitzenpreise bezahlt. Die Vision ungenügend genutzter Lagerkapazitäten wiegt offensichtlich häufig schwerer als die Unsicherheit, ob sich eingelagerte Partien über eine ausreichende Lagerdauer tatsächlich rentieren. Beim Saatgetreide wird die seit Jahren zu beobachtende Verschiebung der Marktanteile von West nach Ost in die Gegenrichtung umkehren. Für diese Erwartung sprechen erstens der durch das Kleinkorn bedingte geringere Ertrag auf den Vermehrungsflächen und zweitens deren Einschränkung. Die fünf neuen Bundesländer reduzierten ihre gesamte Getreidevermehrung zur Ernte 2000 um fast 6 Prozent auf 72 580 ha. Bundesweit betrug ihr Flächenanteil damit nur noch etwa 45 Prozent, nach knapp 47 Prozent im Vorjahr. Bei der Wintergerste schränkten die ostdeutschen Vermehrer die Fläche sogar um gut 9 Prozent ein. Damit reagierten sie auf die neuen Rahmenbedingungen für diese Frucht durch die Interventionspreissenkung ab diesem Wirtschaftsjahr.

Infolge des Zusammentreffens von diesjähriger Flächeneinschränkung und geringeren vermarktungsfähigen Saatguterträgen in den Trockengebieten Ostdeutschlands durch Kleinkorn dürfte für die Ernte 2001 wieder mehr Saatgut aus den alten Bundesländern stammen. Dort wird der schwächere Angebotsdruck aus Ostdeutschland sicher begrüßt werden. Er sollte aber nicht zum Anlass genommen werden, sich bei der Schaffung wettbewerbsfähiger Strukturen im Saatgutsektor auszuruhen.
 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Samstag lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats