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Sorgen
Von Hermann Steffen, Bonn

Die diesjährige Brotgetreideernte bietet allen Beteiligten wenig Grund zur Freude. Doch mit den widrigen Wetterumständen müssen nicht nur die Landwirte fertig werden, inzwischen greift ein sich abzeichnendes Qualitätsproblem verstärkt auf den Handel und die Mühlen über. Betroffen ist vor allem der Westen und Südwesten Deutschlands, wo die bisher geernteten Weizen- und Roggenqualitäten fast durchweg enttäuschen und selten mühlenfähige Werte erreichen. Erste kleinere und mittlere Mühlen sollen bereits aus Rohwarenmangel ihre Vermahlung eingestellt haben, und auch große Mühlen vermahlen derzeit auf Sparflamme. Für ein allzu düsteres Szenario besteht trotz aller Sorge noch wenig Grund, denn die Roggenernte ist noch nicht überall abgeschlossen, und die Weizenernte hat noch nicht in allen Gebieten eingesetzt. Auch zwischen den beiden Getreidearten bietet sich ein differenziertes Bild.

Dass in vielen Regionen ein Großteil der Roggenernte über den Futtertrog vermarktet werden muss, darf als sicher angenommen werden. Entsprechend haben die rheinischen Mühlen ihre Ansprüche an die Fallzahlen bei der Erfüllung bestehender Kontrakte bereits gesenkt und nehmen bei entsprechenden Abzügen auch Roggen mit einer Fallzahl bis 80 sec. auf. Zur Herstellung der geforderten Mehlqualitäten sind die Mühlen zu Zukäufen mit hochwertigem Aufmischroggen gezwungen. Zwangsläufig muss sich ein gespaltener Roggenmarkt je nach Qualität mit differenzierten Preisen entwickeln. Defizite bei Roggen könnten Interventionsbestände möglicherweise nach der Ernte zum Teil beseitigen.

Ein größeres Problem könnte beim Weizen entstehen, falls sich die schlechten Qualitäten der bisher geernteten Partien nachhaltig bestätigen sollten. Auch hier handhaben die Mühlen im Rheinland die Annahmekriterien entgegenkommender und haben sie bereits auf eine Fallzahl von 180 sec. bei bestehenden Kontrakten gesenkt. Doch selbst dieser Wert wird im Westen in den seltensten Fällen erreicht. Frankreich fällt voraussichtlich auf Grund von Qualitätsproblemen als Lieferant für Basisweizen zu den rheinischen Mühlen aus. Ein erheblicher Fehlbetrag an Grundweizen ist daher nicht auszuschließen, und Forderungen über Interventionsfreigaben nach der Ernte könnten schon frühzeitig auf den Tischen der Verwaltung landen. Doch aus deutschen Lägern lässt sich nicht viel Weizen holen. Dort lagern gerade einmal 170 000 t. Das Gros der Weizeninterventionsbestände liegt mit 2,6 Mio. t in Frankreich und ließe sich nur mit einem erhöhten Frachtaufwand beschaffen. Kurzfristig jedenfalls haben sich die rheinischen und Benelux-Mühlen für eine Übergangszeit und zur Qualitätssicherung mit hochwertigem amerikanischen Aufmischweizen mit Fallzahlen bis 400 sec. eingedeckt. Doch mit 320 bis 325 DM/t im Rheinland hat dieser Weizen seinen Preis. Auch für guten Inlandsweizen dürfte sich ein Preisgefüge einpendeln, das weit über den ursprünglichen Kaufideen der Mühlen liegen wird. Dass die Mühlen dies schon heute in ihre Kalkulation mit einbeziehen, lässt sich daran ablesen, dass sie seit Beginn dieser Woche die Mehlpreise um 5,- DM/100 kg angehoben haben.
 
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