1

Gefordert

Von Dagmar Hofnagel, Bad Kreuznach

Thema Nummer Eins in der Branche ist und bleibt vorerst die Getreideernte. Kaum ein Wirtschaftsjahr wie dieses zeigt deutlicher, dass eine Ernte erst dann zu bewerten ist, wenn sie tatsächlich in den Silos liegt. Getreide ist nach wie vor ein Naturprodukt, das sich nicht in jedem Jahr gleich präsentiert. Die diesjährige Ernte wird jedenfalls in unangenehmer Erinnerung bleiben, das ist jetzt schon gewiss. Ursprünglich waren große Erwartungen in Menge und Qualitäten gelegt worden. Die Kurse für Brotgetreide wurden deshalb vor der Ernte auch mit dem Argument verschärfter Interventionskriterien seitens der Mühlen heruntergeredet. Häufig kamen keine Kontrakte zustande, weil die Preismeinungen von Abgebern und Verarbeitern zu weit auseinander lagen. Heute sind die Verkäufer froh über jeden Kontrakt, den sie nicht abgeschlossen haben.

Die Misere betrifft im Südwesten der Bundesrepublik fast alle Getreidearten. Die komplette Roggenernte fällt auf Grund zu schwacher Fallzahlen als Mahlgetreide aus. In den Frühdruschgebieten ist ebenso der Weizen geschädigt und kann nicht als Brotweizen verkauft werden. Die Durumernte in Rheinland-Pfalz kommt als Rohstoff für die Nudelproduktion so gut wie nicht infrage. Die Braugerste schneidet unter den Getreidearten derzeit zwar am besten ab. Dennoch gibt es auch hier schon vereinzelt Auswuchs. Ein endgültiges Bild über die Ernte lässt sich momentan nicht zeichnen. Fest steht nur, dass die angebotenen Qualitäten reich an Varianten sein werden, die sich aber allesamt eher schwach präsentieren. Nervosität ist spürbar. Jeder zögert, Neugeschäfte über Qualitäten abzuschließen, die er noch nicht kennt. Hoffnungen werden jetzt auf die Spätdruschgebiete gesetzt. Auch der Witterungsverlauf im Norden der Bundesrepublik wird darüber entscheiden, ob die Marktversorgung lediglich eine Preisfrage bleiben wird. Heute schon wird im Südwesten übergebietliche Ware aus Deutschland, Frankreich oder Nordamerika mit bekannten Fallzahlen zu deutlich höheren Kursen gehandelt.

Gefragt sind in solchen Jahren über das normale Maß hinaus handwerkliches Geschick und Geduld in allen Bereichen der Getreidevermarktung und -verarbeitung angefangen beim Probenziehen in sämtlichen angelieferten Partien und der mühseligen und kostspieligen Bestimmung der Qualität über das Separieren der Getreidepartien nach Qualitäten. Mit dieser Maßnahme lässt sich wenigstens Geld verdienen. Weiter werden auch die Müller bei der Herstellung von Mehl aus schwachen Getreidequalitäten und bei der Beschaffung von Aufmischweizen Können und Ideenreichtum unter Beweis stellen müssen. Hier sind gut gepflegte geschäftliche Beziehungen in der Regel nicht nur nützlich, sondern unabdingbar. In Zeiten eines reichlichen Angebots reduzieren sich diese Beziehungen häufig auf das Herausschlagen der letzten zehn Pfennige beim Einkauf des Rohstoffes. Dieses kurzfristige Denken könnte sich in diesem Jahr als Bumerang erweisen. Die guten Getreidequalitäten in ausreichender Menge der vergangenen Jahre haben die gesamte Branche verwöhnt und sie möglicherweise auch bequem gemacht. In diesem Jahr ist besondere Leistung gefordert. Dabei wird sich herausstellen, wer sein Handwerk versteht.
 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Samstag lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats