1

Biarritz
Von Jörg Foshag, Paris

Luc Guyau fährt nicht nach Biarritz. Wenn am Wochenende die Landwirtschaftsminister der Europäischen Union in der südwestfranzösischen Stadt zu einem informellen Treffen zusammenkommen, dann ist der Präsident des französischen Bauernverbandes nicht sicher, dass die französischen Interessen mit dem gehörigen Nachdruck vertreten werden. Außerdem steht das Verhältnis zwischen Agrarminister Jean Glavany und Bauernverbandschef Luc Guyau nicht zum Besten. Das gemeinsame Management der Agrarpolitik, das unter konservativen Regierungen Agrarminister und Bauernverband betrieben wurde, mag Glavany nicht leiden. Guyau wäre aber froh, wenn es zu regelmäßigen "wirklichen Diskussion" kommen würde. So sind die Treffen zwischen Glavany und FNSEA-Präsident eher flüchtig. Was soll er da in Biarritz und gar auf einem Galaabend? - enttäuscht legt Guyau die Einladung beiseite.

Dabei kann man annehmen, dass der Bauernverbandschef auch ohne engere Abstimmung die meisten Prioritäten seines Ministers unterschreibt. Glavany will die EU-Präsidentschaft Frankreichs dazu nutzen, ein europäisches Lebensmittelmodell aufzubauen, das die Herkunft der landwirtschaftlichen Produkte unterstreicht und der Qualität einen hohen Stellenwert einräumt. Der Agrarminister spricht damit nicht nur das Selbstwertgefühl der Franzosen an, die auf die Produkte ihrer "Campagne" stolz sind. Mit der Forderung nach einem regionalen Herkunftsnachweis im europäischen und im internationalen Handel sucht er auch nach Werbeargumenten für die französische Landwirtschaft. Ein Verteidigungsreflex gegenüber der Konkurrenz aus Amerika und gegenüber der Globalisierung ist nicht zu verkennen. Zwar ist Glavany nicht so naiv, einfach gegen das internationale Zusammenwachsen der Märkte Front zu machen. Aber eine gewisse Sympathie für die lautstarken Gegner der Globalisierung ist ebenfalls unverkennbar. Die Globalisierung müsse Regeln unterworfen werden, damit es nicht zu einer Uniformierung komme, lautet sein Credo.

Gegen diese grundsätzliche Forderung hat die FNSEA beileibe nichts einzuwenden. Es muss ihren Präsidenten aber irritieren, dass Jean Glavany mit seiner Position gegen den Einheitsbrei der Globalisierung genau die Vorurteile anspricht, die der kleine, links stehende Konkurrenzbauernverband "Confþedþeration Paysanne" und ihr werbebegabter Chef Josþe Bovþe zur Basis seiner Politik gemacht hat. Auch die Beteuerung des sozialistischen Agrarministers, es komme heute nicht mehr in erster Linie auf Produktivität, sondern auf Qualität an, muss einen Verband irritieren, der die überwiegende Mehrzahl der um Rentabilität ringenden Bauern vertritt. In der Praxis kommt es freilich darauf an, in welcher Weise Glavany seine Prioritäten durchsetzt. Will er Herkunftsnachweis und Qualitätssicherung mit einem Wust von Bestimmungen und Dekreten verbinden oder bleibt es bei allgemeinen Erklärungen? Will die sozialistische Regierung gar eine Abkehr von den marktwirtschaftlichen Ansätzen der Agrarpolitik vorbereiten? Diese Frage betrifft nicht nur Frankreichs Bauern. Sie ist für die ganze EU von hoher ordnungspolitischer Bedeutung. Das Treffen von Biarritz ist deshalb weit mehr als eine Galavorstellung.


 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Samstag lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats