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Kraftakt

Von Bernd Springer, Frankfurt a. M.

Am Dienstag jährt sich das Datum der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zum zehnten Mal. An diesem Tag wurde das vollzogen, was 1989 als immer massiver werdender Widerstand der Bevölkerung gegen das Regime der damaligen DDR spürbar wurde und in der Öffnung der trennenden Mauer am 9. November 1989 gipfelte. Insgesamt wurde ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Kraftakt eingeläutet, wie er weltweit an Beispielen sucht. Seit 1990 bis Ende vergangenen Jahres ließ er 1 636 Mrd. DM von West- nach Ostdeutschland fließen. Über den "Solidarpakt II" erreichen die ostdeutschen Bundesländer bis einschließlich 2004 weitere 25 Mrd. DM im Jahr.

Die Agrarbetriebe traf der Umbruch in besonderem Maße, weil deren strukturelle Organisation im Osten gründlich nach dem sozialistischen Gedankengut aufgebaut war. Die Unterschiede zu den in der damaligen Bundesrepublik vorherrschenden Strukturen in Produktion, Handel und Industrie waren immens. Zeitgleich musste sich auch die westdeutsche Agrarbranche umstellen auf immer weniger staatliche Marktregulierung. Dadurch war sogar eine einheitliche Richtung in der Entwicklung in den alten und neuen Bundesländern vorgegeben.

Die Umwandlung der Staatswirtschaft der ehemaligen DDR in ein marktwirtschaftliches System erforderte neue Instanzen wie beispielsweise die Treuhandanstalt und die Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft BVVG. Die Überführung von staatseigenen Agrarbetrieben in privates Eigentum sowie die Auseinandersetzung mit den Mitgliedern der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) machte genauso wie die Behandlung von Ansprüchen aus Enteignungen eine geeignete Gesetzesbasis notwendig. Unter anderem wurde dies im Landwirtschaftsanpassungsgesetz geregelt. Dennoch sind auch heute noch viele Eigentumsfragen ungeklärt.

Die im Verhältnis zu den damals im Westen vorherrschenden Betriebs- und Unternehmensgrößen gigantisch anmutenden Einheiten im Osten machten den Marktteilnehmern der alten Bundesrepublik allerdings auch Angst. Der Zwang zu größeren und effektiveren Einheiten, der ohnehin vorhanden war, wurde deutlich verstärkt, was auch im Westen den Strukturwandel beschleunigt hat. Viele Westunternehmen nutzten mit Übernahmen von oder Beteiligungen an Ostbetrieben ihre Entwicklungschance. Dass diese in vielen Fällen weniger dynamisch und rentabel verliefen als geplant, lag daran, dass die etablierten Absatzmärkte in Osteuropa wegbrachen - der Reformprozess blieb nicht auf Deutschland beschränkt.

Die Perspektiven sind nicht schlecht: Wirtschaftswissenschaftler erwarten für die ostdeutschen Bundesländer einen Wachstumsschub ab 2002, woran hoffentlich auch die zusammengewachsene Agrarbranche teilhaben wird. Mit wachsendem Lebensstandard, der heute im Osten auf 82 Prozent des Westens liegt, werden die heimischen Märkte noch aufnahmefähiger für Lebensmittel von deutschen Äckern und aus deutschen Ställen werden. Die in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Strukturen lassen darüber hinaus eine effektive Bedienung von Exportmärkten zu und bieten Aussicht auf Wachstum.
 
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