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Heterosis

Von Jürgen Parschau, Frankfurt a.M.

Fusionen führen nicht zwangsläufig zum Erfolg. Und manchmal scheitern sie schon, bevor sie beschlossen wurden. Im Gegensatz zur Deutschen und Dresdner Bank blieb dem Fachverband der Futtermittelindustrie und dem Bundesverband der Mischfutterhersteller diese Schmach erspart, denn sie waren besser vorbereitet. Ihre Mitglieder stimmten der Verschmelzung der beiden Bonner Verbände einstimmig zu, weil sie sich Vorteile davon versprechen, im Gegensatz zur Dresdner Bank. Denn Forderungen in Bezug auf die Futtermittelsicherheit von verschiedenster Seite, die der einzelne Mischfutterhersteller als Bedrohung empfindet, kann der neue Verband leichter entgegentreten.

Der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT) wird zudem die intensivere Lobbyarbeit in Brüssel, die durch eine immer stärker bindende EU-gesetzgebung erforderlich ist, besser leisten können. Diese Lobbyarbeit ist wichtig, wenn die Vorschläge des Weißbuches für Lebensmittelsicherheit in geltendes Recht umgesetzt werden. Denn erschwerend ist in Brüssel hinzugekommen, dass nicht mehr die Generaldirektion Landwirtschaft für das Futtermittelrecht verantwortlich zeichnet, sondern die Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz, deren Entscheidungsträger nicht gerade in der Mischfutterindustrie beheimatet sind.

Aber auch nationale Belange lassen sich mit einem stärkeren Verband besser regeln. Es ist an der Zeit, das verbal viel gepriesene partnerschaftliche Verhältnis zum Landwirt in die Tat umzusetzen. Enge Kooperationen und vertragliche Bindungen zwischen Mischfutterherstellern und Landwirten leisten nicht nur einen Beitrag in Richtung Transparenz und Sicherheit, sondern können sich auch positiv auf den Ertrag beider Seiten auswirken. Ein Verband, der mehr als die Hälfte der deutschen Mischfutterherstellung auf sich vereint, sollte es schaffen können, die notwendige Kooperationsbereitschaft auf beiden Seiten zu fördern.

Die Mischfutterhersteller sind sich nach der britischen BSE-Krise und spätestens seit dem belgischen Dioxin-Skandal darüber im Klaren, dass ihre Verantwortung als Futtermittelhersteller über den Rand des Futtertroges hinausreicht. Gemeinsam kann eine Marschrichtung eingeschlagen werden, um dieser Verantwortung in der Nahrungsmittelproduktion gerecht zu werden. Mit einer aktiven Informationspolitik kann sich die Mischfutterindustrie eher aus der Schusslinie unqualifizierter Angriffe manövrieren. Was gute PR-Arbeit leisten kann, wird an der Arbeit der Pflanzenschutzhersteller deutlich. Ihre Produkte sind kaum noch Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Als Auftakt für die Mischfutterhersteller könnte die gemeinsame Presseveranstaltung mit dem Deutschen Raiffeisenverband, dem Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse und den beiden Mischfutterverbänden kürzlich gesehen werden. Für weitere gemeinsame Aktionen mit anderen Branchenverbänden bietet der Zusammenschluss zum DVT zumindest eine gute Basis.

Die Fusion zum DVT sollte also nicht als Kosten- und Ressourceneinsparung missverstanden werden. Sondern sie soll die Energie bündeln, um die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Fusionspartner deutlich zu übertreffen - vergleichbar mit dem Heterosiseffekt in der Tierzüchtung. Tritt dieser ein, so lässt der Erfolg der Fusion nicht lange auf sich warten.
 
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