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Psychologie

Von Jörg Foshag, Paris

Der Präsident, der für die Stimmung des französischen Volkes ein feines Gespür hat, preschte vor. Im Fernsehen forderte er ein allgemeines Verbot der Tiermehlverfütterung. Der Regierungschef zögerte und wand sich. Unter dem Druck der Massenpanik aber musste er klein beigeben. Die französische Regierung beschloss, die Verfütterung von Tiermehlen "vorläufig" zu verbieten. Auch die Importe dieser Produkte sowie von Futtermitteln, die Tiermehl enthalten, wurden vorerst ausgesetzt. Die Bestimmungen für das angebotene Rindfleisch wurden verschärft. Das "T-Bone-Steak" gibt es nicht mehr. Die Beschlüsse des Ministerrats sind einhellig begrüßt worden. Die Politiker von rechts bis links zeigten sich zufrieden. Desgleichen die Bauernverbände. Die Zustimmung wird lediglich durch die Sorgen der Rinderhalter getrübt. Selbst die Produzenten von Tiermehlen wagen nicht, den allgemeinen Konsens in Zweifel zu ziehen. Eher vorsichtig weisen sie darauf hin, dass Verluste natürlich ausgeglichen werden müssen.

Über all der Einigkeit ist nicht zu vergessen, dass die Aussetzung der Verfütterung von Tiermehlen vor allem psychologisch zu begründen ist. Frankreich ist durch die sich häufende Zahl von BSE-Fällen in Panik verfallen. Die Berichterstattung überschlägt sich. Die Rindfleischpreise purzeln. Der Verbrauch ging um bis zu 50 Prozent zurück. Rindfleisch wurde von den Speisezetteln der Kantinen, insbesondere der Schulkantinen, gestrichen. Selbst Spitzenköche ließen ihre Rindfleischkreationen diskret verschwinden. Osteuropäische Staaten machen die Grenzen für Rindfleisch aus Frankreich dicht. Spanien kündigte ein Importverbot für Zuchtrinder aus Frankreich an, die älter als 20 Monate sind. Die französischen Rinderhalter sehen die ganze Branche in Gefahr. Möglicherweise ist das Verfütterungsverbot für Tiermehl geeignet, die überhitzten Gemüter zu beruhigen. An Rinder ist die Verfütterung von Tiermehlen zwar bereits seit 1990 untersagt und seit 1996 an alle Wiederkäuer. Wenn in Zukunft Tiermehle auch nicht mehr an Schweine, Geflügel oder Fische verfüttert werden können, so ist zumindest die Gefahr verbannt, dass es zu irrtümlichen Vermischungen kommt. Unmittelbar ändern wird sich dennoch nichts.

Bei einer geschätzten Inkubationszeit von fünf Jahren werden sich die neuen Bestimmungen erst auf mittlere Sicht auswirken. Sicher ist dagegen, dass auf Frankreich große Probleme bei der Lagerung und Verbrennung von Tiermehlen zukommen. Denn die Tiermehle werden weiter produziert, bevor sie verbrannt werden. Es geht um rund 870 000 t Tiermehle und Fette, die künftig jährlich zusätzlich zu verfeuern sind. Die Kostenschätzungen gehen in die Milliarden. Weder gibt es ausreichend Lagerraum noch ausreichend Verbrennungskapazität. 200 000 t zusätzliche Lagerkapazität sind dem Vernehmen nach gefunden worden und die Regierung hofft, dass die Zementfabriken bei der Verbrennung helfen. Von der Bewältigung des Problems ist man aber noch weit entfernt. Dafür kann es als sicher gelten, dass Frankreich in Zukunft mehr pflanzliches Eiweiß braucht und einführen muss. Damit bieten gentechnisch veränderte Pflanzen den nächsten Diskussionsstoff.
 
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