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Eigenheiten

Von Dagmar Rees, Frankfurt am Main

Wurde vor zehn Jahren noch heftig über Zwei- oder Einstufigkeit im Agrarhandel diskutiert, stellt sich heute die Frage, ob überhaupt noch eine Handelsstufe übrig bleibt. Als Alternative wird das Internet gepriesen. Ein "Netzmarkt", bei dem sich Angebot und Nachfrage per Mausklick finden, würde die klassischen Handelsstrukturen auf Logistikzentren reduzieren. Die "Netzmarkt-Theorie", wie sie verschiedene Investmentbanken in den USA erstellt haben, zeigt allerdings, dass der Agrarmarkt nicht 1 : 1 deckungsgleich ist mit einem idealen Netzmarkt.

Ein Netzmarkt muss eine kritische Größe überschreiten. Die Analysten sprechen von 10 Mrd. US-§, je nach Dollarkurs also um die 20 Mrd. DM. Der jährliche Umsatz vom Landwirt zum Agrarhandel bewegt sich in Deutschland um die 30 Mrd. DM. Die weitere Stufe Handel zu Verarbeiter handelt ein entsprechend höheres Volumen. Für den Handel im Internet prädestiniert sind darüber hinaus Märkte, in denen sich eine Vielzahl von Verkäufern einer Vielzahl von Käufern gegenüberstehen, die zudem weitgehend anonym sind. Daraus ergeben sich hohe "Suchkosten". Was die Vielzahl anbetrifft, weist der Agrarsektor allein bei der Vermarktung von Getreide und Ölsaaten beachtliche Größenordnungen auf. Bundesweit gibt es etwa 430 000 landwirtschaftliche Betriebe, sie arbeiten für die pflanzlichen Produkte mit rund 2 000 privaten oder genossenschaftlichen Handelsunternehmen zusammen. Dem Handel wiederum stehen 465 Mehlmühlen, rund 450 Mischfutterwerke und 15 Ölmühlen gegenüber. Anonym sind die Marktpartner trotz der großen Zahl keineswegs. Zudem begrenzt der Transportaufwand bei Getreide und Ölsaaten vor allem in der Ernte die Handelspartner auf einige Wenige, was geringe Suchkosten zur Folge hat. Erst auf der Ebene Handel zum Verarbeiter verliert die Begrenzung auf die Region an Bedeutung, da ja die Waren schon zu transportwürdigen Mengen zusammengefasst sind. Diese Ebene, besonders um die Dimension Europa erweitert, eignet sich somit eher für einen Netzmarkt. Dafür spricht auch das Vorhandensein von Maklern, die bereits im klassischen Markt unbekannte Verkäufer mit unbekannten Käufern zusammen bringen. Auf idealen Netzmärkten gehandelt werden außerdem leicht beschreibbare Produkte mit eindeutigen Qualitätsmerkmalen.

Eine Analyse des Agrarmarktes anhand der von amerikanischen Investmentbankern formulierten Kriterien zeigt, dass der Agrarmarkt nicht mit aller Macht ins Netz drängt. Allerdings sieht die Betrachtung für Teilgebiete anders aus. Vorstellbar im Internet wäre ein Beschaffungssystem für Mühlen und Mischfutterwerke, in dem Landwirte mit eigener Lagerung sowie Handelsunternehmen ihr Getreide mit exakter Angabe von Qualität und Preis feilbieten würden. Ein Computer könnte die Angebote mit den Nachfragen der Verarbeiter automatisch unter Berücksichtigung von Frachten (und Rückfrachten) abgleichen und dem Verarbeiter einen Beschaffungsplan mit verbindlichen Preisen aufstellen. Dieses System würde auch den Transport organisieren, den Abholtermin automatisch dem Landwirt/Handel per E-Mail zustellen, die Fakturierung übernehmen und die Zuverlässigkeit der Lieferungen per Konventionalstrafen absichern - wer könnte da noch widerstehen?
 
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