1

Dinosaurier

Von Horst Hermannsen, München

Reinemachen ist bei den Vieh- und Fleischgiganten angesagt. Nun muss auch der Wanderarbeiter Franz-J. Doll seinen Posten als Südfleisch-Vorstandsvorsitzender räumen. Doll hat dabei Routine. Die beruflichen Stationen des jetzt 48-jährigen Käsespezialisten waren Gervais, Danone, Ferrero, die Hochlandgruppe, kurzfristig die Molkerei Alois Müller, danach Arbeitslosigkeit und bis vor kurzem eben die Südfleisch Holding AG. Über die Gründe seines Ausscheidens wurde Stillschweigen vereinbart. Formulierungen wie "unterschiedliche Auffassungen über die weitere Geschäftspolitik" sind unverfänglich, wenngleich sie nicht die volle Wahrheit aussagen. Zur Trennung führten auch nicht allein die ungewöhnlich hohen finanziellen Forderungen des Franz-J. Doll, die in keinem rechten Verhältnis zu seiner Arbeitsleistung und den wirtschaftlichen Ergebnissen des Unternehmens standen. Doll, der von der Hausbank der Südfleisch an die Spitze des genossenschaftlichen Konzerns gehievt wurde, konnte aus vielerlei Gründen die Probleme nicht lösen. Dafür fehlten ihm interne Kenntnisse, eine Hausmacht und die erforderliche Qualifikation im weitesten Sinne. Die Südfleisch ist, auch wenn sich die Genossen gegen diesen Ausdruck mit Händen und Füßen wehren, ein Sanierungsfall besonderer Art. Aktuell erhält die Situation eine zusätzliche Dramatik durch die BSE-Krise.

Wieder einmal wird deutlich, dass vor allem die DG-Bank mit ihren weit reichenden Beteiligungen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft gänzlich überfordert ist. Schließlich war es Berthold Eichwald, Mitglied des Vorstandes der DG-Bank, der auch hier die personelle Fehlentscheidung zu verantworten hat. Dabei gab es genug Warnungen und begründete Vorbehalte gegen Doll. Die unausgesprochene Drohung, eventuell die "Kreditlinie zu überprüfen", ist stets ein probates Instrument, Widerspenstigkeit zu zähmen. Die DG-Bank hat seinerzeit verhindert, dass der erfolgreiche Chef der Lutz Fleischwaren AG, Manfred Geyer, Vorstandsvorsitzender der Südfleisch wurde. Damit wären nicht nur hervorragende Synergieeffekte zwischen Mutter und Tochter denkbar gewesen. Die lukrative Lutz Fleischwaren AG wird regelmäßig für den Sanierungsbedarf ihrer Mutter, der Südfleisch, im Rahmen eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrages ausgeplündert.

Geyer gilt als unbequemer, aber durchsetzungsfähiger Branchenkenner. Auch heute noch erscheint er Insidern als die Idealbesetzung für den Südfleischvorstand. Um ihn allerdings zu gewinnen, müsste er von Eichwald persönlich gebeten werden, ihm aus seiner schwierigen Lage zu helfen, in die er sich selbst manöveriert hat. Ob es dazu kommt, ist höchst fraglich, denn Bankern fehlt häufig die Einsicht in ihre eigene Unzulänglichkeit. Der Personalwechsel war unvermeidlich, doch damit ist es nicht getan. Längst ist in Bayern kein Platz mehr für eine Südfleisch neben einer Moksel AG oder umgekehrt. Die Dinosaurier auf tönernen Füßen haben nur eine Chance, und die liegt im radikalen Ab- und Umbau; in der Zusammenarbeit also. Ob dies tatsächlich am Kartellamt, an genossenschaftlicher Ideologie oder ähnlichem scheitern würde, ist offen. In aller Regel werden Überlegungen zum Großreinemachen bereits im Vorfeld von jenen unterbunden, die um ihre Pöstchen bangen. Klar muss natürlich auch sein, dass es sich hierbei in erster Linie um ein gigantisches Finanzproblem in dreistelliger Millionenhöhe handelt.
 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Samstag lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats