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Bootsfahrt

Von Dagmar Hofnagel, Bad Kreuznach

Braugerste ist knapp in Deutschland. Voraussichtlich wird sie auch nach der nächsten Ernte im kommenden Jahr der Malzindustrie nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Die international rege Nachfrage nach dem Rohstoff ist Auslöser für diese Entwicklung. Sie heizt den Markt an. Verschärft wird die Situation durch den reduzierten Braugerstenanbau in Europa insgesamt. Die Landwirte mussten in den vergangenen Jahren mit immer schwächeren Preisen vorlieb nehmen. Während noch vor wenigen Wochen mit Erzeugerpreisen von 25,00 bis 25,50 DM/dt Signale für einen Anbau im Frühjahr 2001 gesetzt werden sollten, sind 26,00 DM/dt mittlerweile kein Gegenstand einer Diskussion mehr.

Die Neigung der Landwirte, bei Braugerste Vorverträge für die neue Ernte abzuschließen, ist derzeit eher unterentwickelt. Die Hoffnung auf noch höhere Erlöse nährt dieses Verhalten. Ohne Zweifel befinden sich die Landwirte in einer komfortablen Situation. Sicherlich ist kurzfristig die Versuchung für die Landwirte groß, dem Verlangen nachzugeben, diese Situation auszunutzen. Noch zu frisch sind die Erinnerungen an die Preisvorgaben der Mälzereien in der Vergangenheit, als die Überkapazitäten drückten und für die reichlich vorhandene Ware kein Geld angelegt werden sollte. Sinnvoller wäre es aber, langfristiger zu denken und den Bogen nicht zu überspannen. Aus der momentan "starken" Situation heraus sollten die Landwirte ihre Marktpartner an einen Tisch holen, um in einem neuen Anlauf gemeinsam über langfristige Konzepte für den Braugerstenanbau nachzudenken. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass es allen Beteiligten wirklich ernst ist mit der Braugerste aus heimischem Anbau, wie es auf unzähligen Veranstaltungen immer wieder glaubhaft versichert wird. Die Geschichte mit dem Boot, in dem alle Beteiligten gemeinsam sitzen und in eine Richtung steuern müssen, bekommt jedoch langsam einen Bart, wird die Realität betrachtet. Wenn die Brauer wirklich das Malz aus deutscher Braugerste bevorzugen, sollten sie "den Sport" des billigen Malzeinkaufs überdenken. Ebenso können die Mälzer überlegen, wie weit sie die Möglichkeiten der Abzüge für abweichende Braugerstenqualität strapazieren wollen. Gleichermaßen sind Handel und Genossenschaften gefordert, realistische Preise an die Erzeuger weiterzugeben. Letztere sollten sich immer wieder an ihre Vertragstreue erinnern.

Die Palette der Ansätze für eine gute Zusammenarbeit ist umfangreich und möglicherweise auch der Grund, warum das legendäre Boot mit der heterogenen Besatzung nicht immer mit Rückenwind segelt. Die gegenwärtige Situation am Braugerstenmarkt ist denkbar günstig: Alle Marktpartner sollten jetzt Zeichen für eine langfristige Zusammenarbeit setzen - vorausgesetzt, sie ist gewollt. Im Einzelfall mag sie bereits funktionieren, wobei die positive wie negative zwischenmenschliche Chemie eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Mit Braugerste und Malz ist derzeit Geld zu verdienen, solange die Nachfrage auf den Weltmärkten existiert. Es gilt, diese Märkte zu pflegen und keine Sonntagsreden zu halten. Daran werden alle am Braugerstenmarkt Beteiligten zu messen sein.
 
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