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Überraschung

Von Gisela Haas, Berlin

Für die meisten Unternehmen des niedersächsischen Landhandels ging das Jahr 2000 mit einer Überraschung zu Ende - wenn man es unbeteiligt betrachtet. Weiterers Weiterveräußerung der WLV-Niederlassungen im Weserbergland und bei Peine, die das Unternehmen kurz zuvor von der Deutschen Agrar AG (DAA), Hildesheim, übernommen hatte, wird in der Branche häufig allerdings nicht unbeteiligt bewertet. Die am 29. Dezember Überraschten hatten teilweise einen Tag zuvor als Aktionäre der Übernahme dieser Betriebe durch die Landhandelsunternehmen Weiterer und Fromme zugestimmt. Sie fragen sich nun verblüfft, wie der private Landhandel als verlässlicher Partner der Landwirtschaft durch die WLV-Verkäufe gestärkt werden kann, wenn mehr als 40 Prozent des Umsatzes des WLV-Landhandels nun von der genossenschaftlichen Seite übernommen werden. Mit dem Argument der Stärkung des privaten Landhandels hatten die DAA und die Käufer nämlich zuvor für die WLV-Verkäufe geworben. Nur 24 Stunden nach der DAA-Hauptversammlung wurde die Weiterveräußerung durch Weiterer bekannt. Jetzt betont die RHG Hannover in einem Schreiben an ihre Kundschaft, dass die Zusammenlegung der neu erworbenen Betriebsstätten im Weserbergland mit dem RHG-Agrarzentrum Hannover-Hameln eine nachhaltige Stärkung des Warengeschäftes vor Ort bewirken werde.

Aktienhaltende Landhändler erwägen jetzt rechtliche Schritte. Es stellen sich zahlreiche Fragen: Wurden Fehler bei der Vertragsgestaltung gemacht? Welcher Schaden ist für wen entstanden? Ist dieser einklagbar? Wer wäre dafür verantwortlich? Wer hat was wann gewusst? Wer hat welche Interessen verfolgt? Manchen Fragen der DAA-Aktionäre wird der neunköpfige Aufsichtsrat nachgehen müssen. Bei drei der sechs Vertreter der Anteilseigner könnten sich zwangsläufig allerdings Interessenskonflikte ergeben, da sie "auf beiden Schultern tragen". Ob eine anwaltliche Überprüfung der Vertragseinhaltung über den üblichen Rahmen hinaus sinnvoll ist, wird sich erst in den nächsten Tagen oder Wochen klären lassen. Der Kreis der beteiligten Überraschten, die Neigung zur Schuld- und Fehlersuche verspüren, wird angesichts der "vielen Unbekannten" mit zunehmenden Misserfolgen beim Versuch schneller Klärungen sicherlich rasch abnehmen. Das Tagesgeschäft wird ohnehin bald wieder alle Kräfte fordern.

Ohne zukunftsweisende Eindrücke bleiben die Ereignisse der letzten Woche des Jahres 2000 dennoch nicht. Die inzwischen schon öfter überschrittene Abgrenzung zwischen privatem und genossenschaftlichem Lager wurde im Weserbergland in einer Dimension aufgegeben, die bisher noch nicht üblich war. Hinzu kommt der Zeitfaktor. Die unverzügliche Abfolge der beiden Übernahmen lässt erkennen, dass die ursprünglichen Absichten vieler Aktionäre für die neuen Eigentümer keine Bedeutung hatten. Falls gewisse Prämissen auch noch nach dem Verkauf eines Unternehmens Bestand haben sollen, müssen diese Vertragsbestandteil werden, der dann aber finanziell zu berücksichtigen ist. Kostenlos sind solidarische Zielsetzungen zwischen eigenständigen Unternehmen nicht (mehr) zu haben.
 
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